Diesen Comic habe ich zum Geburtstag von meinem Cousin geschenkt bekommen.
Bereits der Klappentext verrät das zentrale Thema Epilepsie.
Durch mein Arbeitsumfeld habe ich Kontakt und Erfahrung zum Thema Epilepsie sammeln können.
Umso mehr war ich auf diesen Band von David B. Gespannt. Er beinhaltet die ersten drei französischen Teilbände.
Mit dem zweiten Band „Schatten“ schließt „Edition Moderne“ die preisgekrönte deutschsprachige Familienchronik ab.
Die heilige Krankheit: Geister
Klappentext:
Epilepsie – diese unberechenbare Krankheit ist für David B. zu einem zentralen Punkt geworden.
In „Die heilige Krankheit“ schildert er in schonungsloser Offenheit und mit zuweilen bitterbösem Humor seine Familiengeschichte, die durch die schwere Erkrankung seines Bruders geprägt wurde. Die verzweifelte Suche seiner Eltern nach einer Heilmethode führt von selbstherrlichen Fachärzten bis hin zu diktatorischen Esoterik – Gurus. Für David B. ein einziger Albtraum, den er Jahre später in diesem Meisterwerk verarbeitet.
„Selten begegnet man einem so ehrlichen und freimütigen Buch über wahre menschliche Gefühle. Aber die Behauptung, „Die heilige Krankheit“ sei lediglich die Beichte einer schwierigen Familiengeschichte, würde zu kurz greifen und nicht erklären, was dieses Werk so besonders macht“.
The Comic Journal, U.S.A.
Der Autor Pierre-François Beauchard hat diesen Band unter seinem Künstlernamen David B. verfasst. In dreierlei Hinsicht mag „Die heilige Krankheit“ etwas Besonderes sein. Zum einen erzählt ein betroffener von seinen Erlebnissen und Erfahrungen in der Familie bezüglich Epilepsie, es ist ein Comic bzw. grafischer Roman oder auch „graphic novel“ und es kombiniert brillante schwarz weiß Zeichnungen mit einer zugleich spannenden unterhaltsamen ehrlichen Geschichte.
Die Geschichte erzählt von einer Familie in Frankreich.
Pierre – Francois, Jean Christophe und Florence sind Geschwister.
Jean Christophe hat Epilepsie.
Die Handlung spielt in den 60er und 70 er Jahren des 20. Jahrhunderts in einer typischen französischen Stadt.
Pierre – Francois, Jean Christophe und Florence verbringen ihre Kindheit mit den üblichen Spielen und Aktivitäten. Gelangweilt geht man am Sonntag in die Kirche, ist eher naturorientiert und abenteuerlustig, kämpft in Banden gegeneinander in den Straßen der Stadt, oder schmiedet anderweitig Streiche. All das geht seinen gewohnten Gang, bis Jean Christophe mit elf Jahren seinen ersten epileptischen Anfall erleidet.
Von jetzt auf gleich verändert sich das gesamte Leben der Familie, das zentrale Thema der Epilepsie steht nun im Vordergrund.
Die Familie ist sehr besorgt um ihr Kind. Die Eltern informieren sich über Epilepsie und versuchen keine Chance ungenutzt zu lassen, ihrem Sohn zu helfen. Untersuchungen von Ärzten der konventionellen Schulmedizin verschrieben, bis hin zu einem berühmten Professor in einer Pariser Klinik. Die theatralische Farce der Untersuchungen werden schonungslos dem Leser bebildert dargestellt. Aufgrund zu hoher Risiken und Nebenwirkungen stimmen die Eltern einer epilepsiechirurgischen Behandlung nicht zu. Gemeinsam beginnt die Familie, einen anderen Weg zu gehen. Neue Medikamente werden ausprobiert. Alternative Methoden wie zum Beispiel asketische Makrobiotik, Akupunktur, Exorzismus oder esoterische Spiritualisten werden angewandt und aufgesucht.
Die Epilepsie nimmt ihren Lauf, mit all ihren Höhen und Tiefen. Gelegentlich verbessert sich der Zustand von Jean Christophe, doch insgesamt verschlechtert sich die Epilepsie immer mehr.
Nach und nach beginnt die Familie, sich zusehends zu isolieren.
Den Eltern und Geschwistern fällt es immer schwieriger, Jean Christophe richtig zu verstehen. Jean Christophe wird vermehrt von Teilen seiner Umwelt gemieden, dabei verstrickt er sich auf der Suche nach Hoffnung in Symbolen von Stärke und Mut.
Sein Bruder Pierre – Francois zieht sich zurück und verarbeitet seine Erfahrungen in Comiczeichnungen und beschäftigt sich vermehrt mit den Kriegern und Kriegen der Weltgeschichte. Florence leidet ebenfalls unter der Epilepsie ihres Bruders.
Der Band verknüpft sehr häufig die Vergangenheit scheinbar wichtiger Personen. So zum Beispiel das Leben des Großvaters, des Urgroßvaters, im Allgemeinen die Zusammensetzung der Familienchronik. Die spannendsten Momente hat das Buch ganz klar, wenn es um die Epilepsie von Jean Christophe und deren Verlauf bzw. Umgang damit geht. Familiäre Ausschweifungen sind zwar ganz nett, jedoch wird auch im Buch die Frage gestellt, warum die Geschichte der Großeltern erzählt wird, das hat doch auf den ersten Blick gar nichts mit Jean Christophe und seiner Epilepsie zu tun. Die Abschnitte, während die Familie sich an makrobiotischen bzw. esoterischen Spiritualisten versucht, haben mir persönlich sehr gut gefallen. Es erinnert teilweise an die alten Hippie Zeiten.
Ein weiterer wichtiger Aspekt der Verarbeitung von Jean Christophe und seinen epileptischen Anfällen ist der Verlust des Opas. Dies geht sogar soweit, dass man anhand von einem „Oui – Ja“ Brett Kontakt mit den Verstorbenen aufsucht.
Alles kommt, wie es kommen muss, jeder geht mit seinen persönlichen Problemen seinen eigenen Weg. Jean Christophe zieht in ein Wohnheim für Menschen mit Behinderung, seine Schwester hat einen Suizidversuch unternommen und leidet von nun an unter Angstzuständen und Pierre – Francois baut einen noch größeren Schutzmantel um sich herum auf.
Ich bin sehr gespannt, wie diese Familienchronik und deren einzelne Schicksale, allem voran von Jean Christophe, im abschließenden zweiten Band wohl enden werden.
Zeichnerisch sind Kampfszenen sehr beliebt. Allem voran scheinbar Dschingis Khan, der Algerienkrieg und der Erste Weltkrieg. Diese Zeichnungen kommen sehr häufig vor und konterkarieren den ständigen Kampf der Familie gegen die Epilepsie.
Die Geschichte wird anhand verschiedener inhaltlicher und zeitlicher Ebenen versetzt erzählt. Das macht den Lesefluss nicht unbedingt leicht, fordert es doch eine enorme Aufmerksamkeit des Lesers. Die Zeichnungen sind klar gezeichnet, meist eindeutig und direkt. Des öfteren einhergehend mit surrealistisch, düster und teilweise leicht brutal quälenden Zeichnungen.
Insgesamt überwiegt die Farbe Schwarz gegenüber der Farbe Weiß. Scheinbar bringt dies eine übertragbare allegorische Bedeutung mit sich. Immer wieder fließen surrealistische Motive und Kampfszenen mit ein. Das zentrale Thema ist Epilepsie, die zentrale Metapher scheint der Kampf bzw. der Krieg zu sein.
Das Miterleben epileptischer Anfälle ist meiner Meinung nach sehr gut dargestellt. Oft findet man diese Darstellungsweise unter dem Deckmantel allegorischer bzw. historischer Bezüge.
So werden die epileptischen Anfälle durchaus als ein gefräßiger Drache dargestellt, der Jean Christophe und seine Umwelt auffrisst. Einige Charaktere kommen in diesem Band in Form von mythologischen Tieren zum Ausdruck. Der makrobiotische Heiler zum Beispiel als Tiger oder der verstorbene Opa als eine Art Mensch/Vogel mit einer sehr langen Nase. Diese Zeichenweise trägt aufgrund der fremdartigen Wesen im Angesicht der grausamen irrationalen Erkrankung Epilepsie, zum Gefühl der Hilflosigkeit bei.
Dieser Band ist sehr interessant, wenn man sich mit Epilepsie, und allem was dazugehört, befassen möchte. Der Band bietet einen hervorragenden Einblick in die Gefühlswelt eines betroffenen und im Allgemeinen über die Schwierigkeiten der Familie, die sich mit der Epilepsie konfrontiert sieht.
Was nicht jedermanns Sache sein dürfte, sind sicherlich die Schwarz – Weiß Zeichnungen, allem voran die vielen surrealistischen Bilder, Wesen und deren Metaphern in Bezug auf Epilepsie. Ebenfalls könnte ich mir vorstellen, dass der ein oder andere Leser sich mit der inhaltlich und zeitlich versetzten Erzählweise der Geschichte, schwertun könnte, jedoch sind gerade die surrealistischen Zeichnungen und die interessante Erzählweise das, was diesen Band zu etwas Einmaligen und ganz besonderem auf dem deutschsprachigen Comicmarkt macht.
Copyright aller verwendeten Bilder © 2006-2014 Edition Moderne
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– Die heilige Krankheit: Geister (Band 1)
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