Über zwei Jahre hat es gedauert, bis die Fortsetzung endlich fertig wurde. Den Grund dafür liefert Zeichnerin Flavia Scuderi im abschließenden Interview selbst. Doch das werde ich erst später „enthüllen“. Vorrangig geht es darum, ob Band 2 die Qualität des ersten halten kann und wie sich Autor Alessandro Ferrari mit den späteren Jahren, in denen „Die Dietrich“ im Grunde „nur“ eine normale Frau, Mutter und Oma war, befasst …

Marlene Dietrich, Band Nr. 2
Autor/in: Alessandro Ferrari
Zeichner/in: Flavia Scuderi
Format: Hardcover Album (23x33cm)
Umfang: 64 Seiten
Inhalt: Marlene Dietrich 2
Verlag: Panini Comics
Preis: 20,00 Euro
Marlene schwebt in den 30er Jahren auf einer Welle des Erfolgs, sie avanciert zu einem Weltstar, die Männer liegen ihr zu Füßen, ebenso wie die Frauen und sie wird zu einer der bestbezahlten Darstellerinnen der Branche. Doch nicht überall läuft es so perfekt. In Deutschland bricht der Krieg aus und Marlene versucht ihre Familie zu retten, muss sich aber gleichzeitig dem Umstand stellen, dass die Nazis sie zu Propagandazwecken missbrauchen wollen. Aber irgendwann sind auch die besten Zeiten vorbei. Marlene zählt zwar zu den bestverdienenden Schauspielern, aber auch gleichzeitig zu denen, die inzwischen, gerade bei den unabhängigen Kinobetreibern, als Kassengift zählen. So kommt es, dass die Aufträge und Rollen ausbleiben und ihr Fokus sich von der Bühne auf das heimische Wohnzimmer verschiebt. Leider hat auch hier der Ruhm seine Spuren hinterlassen. Das Verhältnis zu ihrer Tochter, die inzwischen selbst Mutter ist, ist nicht das Beste, und so wird „Oma Marlene“ nur zu einer weiteren Rolle in ihrem Leben …

Schon der erste Band zeigte, wie vielschichtig und komplex das Leben der Stilikone des frühen 20. Jahrhunderts war. Dies änder sich auch im vorliegenden Band nicht wirklich, nimmt sogar deutlich zu, was besonders durch den Erzählstil spürbar wird. Denn Autor Alessandro Ferrari springt von Jahr zu Jahr, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, vorwärts, rückwärts, stellenweise weiß man nur durch die kleinen Textkästchen in einer der oberen Ecken, in welchem Jahr man sich gerade befindet. Das ist einerseits sehr faszinierend, weil so ähnliche Situationen zusammengefasst werden, andererseits auch sehr verwirrend.
Bedeutend besser ausgearbeitet finde ich in diesem Band die Charakterisierung der Figuren. Gerade Marlene wird nicht mehr nur als die kühle Erfolgsfrau gezeigt, sondern immer öfter auch als Opfer ihrer Zeit und Gesellschaft. Als ein Mensch, der nur versucht zu überleben und dabei zu helfen, aber auch gleichzeitig wieder eiskalt ihren Willen durchzieht. Diese Gratwanderung zwischen der eiskalten Ikone und dem hilflosen kleinen Mädchen, dass sie im Inneren noch immer ist, gelingt dem Autoren wunderbar und zeigt mir zumindest, eine Seite, die ich bisher nicht an Marlene Dietrich kannte.

Unterstützt wird Ferrari erneut durch die in Berlin lebende Zeichnerin Flavia Scuderi, die nicht nur schon Band Eins visuell eindrucksvoll in Szene setzte, sondern bereits an vielen anderen erfolgreichen Projekten beteiligt war. So zählt sie zu den Konzeptkünstlern der Serie „Mia & Me“, zeichnete die Animationsgrafiken im Spiel „Futurama – Game of Drones“, und war an den Disney-Magazinserien „Disney Prinzessinen“, „Kim Possible“ und „Witch“ beteiligt. Sieht man aber ihren Stil in „Marlene Dietrich“ so hebt sich dieser deutlich von dem Atwork ihrer bisherigen Arbeiten ab. Deutlich realistischer und dennoch leicht „animated“, mit ausdrucksstarken Gesichtern, teils groben Linien und trotzdem sehr detailverliebt. Das der Band erneut vorwiegend in Brauntönen gehalten ist, soll wohl dem Sepiaton, des frühen 20. Jahrhundert entsprechen. Zumindest löst es dies die Farbgebung emotional bei mir aus. Erst zur Mitte des Jahrhunderts, beginnend ab den frühen 40ern, nehmen Blautöne deutlich zu. Später dann verschwinden auch diese, um einem melancholisch wirkenden Schwarz/Weiß/Grau-Gemisch zu weichen. Lediglich punktuelle Rottöne werden als emotionale „Anker“ gesetzt, meist da, wo Marlenes Herz sitzt, oder wenn Situationen besonders „mitfühlend“ oder anderweitig stark emotional sind. Wenn man den Band aufmerksam liest, merkt man, wie dieser visuelle „Herzschlag“ mit jedem Panel schwächer wird.

Und hier schließt sich der Kreis zu meiner Einleitung. Je weiter ich im Band vorwärtskomme, dem Ende entgegen, beginne ich langsamer und aufmerksamer zu lesen, so als wolle ich die Zeit mit „ihr“ verlängern. Ähnlich ging es Flavia Scuderi, wie sie im abschließenden Interview mitteilt. Zwar wollte sie den Band zeitnah fertigbekommen, aber sah sich auch vielen Problemen gegenüber. Zum einen hat Marlene Dietrich in ihrem Leben so viel erlebt, dass es schwierig war, alles auch nur ansatzweise zu visualisieren, andererseits war es, je weiter sie vorankam, der drohende Abschied, der sie stärker beeinflusste, als sie zuerst wahrhaben wollte. Immerhin beeinflusste das Projekt, Band 1 und 2 zusammengefasst, die letzten Jahre ihrer Zeit und schuf so eine Bindung zwischen der Zeichnerin Flavia und der Ikone Marlene Dietrich, aber auch zwischen der Frau Flavia und der Frau Marlene, bis es am Ende eine Begegnung auf Augenhöhe hätte sein können.
Ja, der Band ist, wie auch sein Vorgänger, in vielen Bereichen, einfach nur wunderbar, selbst wenn er vielleicht zu kurz ist, für das ausschweifenden Leben dieser Ikone. Aber dafür hätte es vermutlich 100 Bände gebraucht, wie Flavia im Interview selbst gestehen muss. Doch der Band hat auch ein großes Problem. Wer Marlene Dietrich nicht kennt und auch kein Interesse an deren Leben hat, wird keinen Zugang zu diesem außergewöhnlichen Werk finden. Die beiden Hardcoveralben sind eine Liebeserklärung an das Leben einer ungewöhnlichen Frau. Aber ohne Bezug wird, wohl leider keiner einfach mal so 37 Euro für beide Bände ausgeben, auch wenn ich mir dies sehr wünschen würde.

Copyright aller verwendeten Bilder © 2021-2024 Panini Comics
Partnerlinks:
„Marlene Dietrich“ (Band 2) bei Panini Comics bestellen.
„Marlene Dietrich“ (Band 2) bei Amazon bestellen.
