Gastreview: I´m a Cyborg, but that´s OK

I´m a Cyborg, but that´s OK
Filme – Komödie
mit Jung Ji-hoon, Lim So-jung
Verleih: CJ Entertainment Inc & Moho Film/ Capelight

Bewertung: 4 von 5

Capelight veröffentlichte kürzlich die bereits 2006 erschienene skurrile Romantikkomödie „I´m a Cyborg, but that´s OK“ vom koreanischen Ausnahmeregisseur Park Chan-wook (Oldboy) in neuer Auflage im schicken Mediabook. Neben DVD und Bluray enthält die Fassung auch eine Abhandlung von Marco Heiter, der die Kernthematiken des Film (Cyborgs und künstliche Intelligenz, Sinnsuche, psychische Erkrankungen) mit dem Film selbst in Verbindung setzt.

Handlung
Young-goon glaubt ein Cyborg zu sein. Diese Wahnvorstellung bringt die junge Frau eines Tages in ernsthafte Schwierigkeiten und kostet sie fast das Leben, nachdem sie sich über Drähte in ihren aufgeschnittenen Pulsadern mit einer Steckdose verbindet, um ihre Batterien aufzuladen. Der Plan misslingt selbstverständlich und nach einem Krankenhausaufenthalt wird sie in eine Nervenklinik eingewiesen. Dort trifft sie neben einigen anderen Patienten mit einer Vielzahl psychischer Erkrankungen auch auf den jungen, zwangsneurotischen Kleptomanen Il-sun. Dieser scheint schon bald gefallen an Young-goon zu finden und widmet sich der Aufgabe sie wieder dazu zu bewegen Nahrung zu sich zu nehmen. Denn wie es sich für einen vermeintlichen Cyborg gehört, hält Young-goon normale menschliche Nahrungsaufnahme für überflüssig und leckt lieber an ein paar Batterien, während ihre Mahlzeiten von einer anderen Patientin gierig verschlungen werden. Gemeinsam versuchen sie außerdem der Aufgabe nachzugehen Rache an den „weißen Kitteln“ zu nehmen, die auch Young-goons Großmutter einst in eine psychiatrische Anstalt brachten. Hierbei offenbaren sich Stück für Stück, während sich die beiden näherkommen, immer mehr die wahren Hintergründe der seelischen Probleme Young-goons und Il-suns.

Bewertung
„I´m a Cyborg, but that´s OK” ist skurril und schrullig, behandelt dabei aber das ernste Thema der psychischen Erkrankungen. Daher stellte ich mir beim Schauen des Films anfangs noch die Frage, ob es in Ordnung ist psychisch Kranke „lustig“ darzustellen. Muss man nicht in der heutigen Zeit etwas sensibler sein, als einfach die „Verrückten“ in einem „Irrenhaus“ als Aufhänger für Klamauk und Belustigung zu nehmen? Diese Frage beantwortete mir der Film sehr schnell. Denn ja, das sollte man unbedingt. Aber der Film tut dies auch! Eine große Zahl der Charaktere, die uns zu Beginn wie ein alberner Haufen im Hintergrund präsentiert werden, werden im Verlauf des Films mit Hintergrundgeschichten bedacht, die uns Einblicke in die Art der Psychosen und deren Auslöser geben. Außerdem wird das soziale Gefüge in der Klinik portraitiert, sodass der Zuschauer erfährt, wer die Personen abseits ihrer Zwangsstörungen oder Panikattacken sind.

Gleichzeitig wird die Präsentation der Patienten in der Klinik clever genutzt, um die Hauptgeschichte um Young-goon voranzutreiben. Zum Beispiel erfährt Young-goon erst dadurch von der Kleptomanie Il-suns, dass einer der anderen Patienten ihm unterstellt, er habe ihm sein Talent im Tischtennis geklaut. Im festen Glauben, dass so etwas tatsächlich möglich sei, möchte sie sich im späteren Verlauf der Geschichte dann von Il-sun ihres Mitgefühls berauben lassen, um unbarmherzig ihren Racheauftrag ausführen zu können.

Die Inszenierung des Ganzen wird der Gratwanderung zwischen Ernst und Heiterkeit ebenfalls absolut gerecht. Während die Nervenklinik erstaunlich bunt daherkommt und so die heiteren und skurrilen Momente unterstreicht, sind vor allem Rückblenden in die Vergangenheit Young-goons und Il-suns eher düster gehalten. Die eher ruhige Erzählweise ist sicherlich für Einige gewöhnungsbedürftig, vor allem wenn man Park Chan-wooks Arbeit aus der lauten und überdramatisierten Oldboy-Perspektive kennt. Ironischerweise betrifft meine einzige größere Kritik aber genau eine Szene, die ebendiese Wurzeln stilistisch durchblicken lässt, und so den Erzählfluss ungemein stört. Etwa zu Beginn des letzten Drittels fantasiert Young-goon sich die Durchführung ihrer Racheorgie zurecht, was uns in einem minutenlangen Amoklauf in Zeitlupe haarklein präsentiert wird. Wenn auch grundsätzlich inhaltlich nicht irrelevant, wirkt das in dieser Form der (für einen Film mit FSK 12 meiner Meinung nach recht expliziten) Darstellung sehr deplatziert.

Fazit
Dennoch: „I´m a Cyborg, but that´s OK” ist ein sehr gelungener Film, der komplizierte Themen humorvoll umzusetzen weiß. Während er optisch nahezu bonbonbunt daherkommt, werden inhaltlich doch einige ernstere Töne angeschlagen. Die skurrile Sinnsuche der Protagonisten würde ich all Jenen absolut ans Herz legen, die bereit sind filmisch auch einmal über den („westlichen“) Tellerrand hinauszublicken. Auch die wirklich hübsche Neuauflage im Mediabook ist Liebhabern aufgrund des, im Vergleich zur simplen DVD-Version, nur geringfügig höheren Preises zu empfehlen.

Gastautor: Florian Polkowski
Diese Rezension stammt aus dem Autorenteam von Geek-Whisper.de und wurde exklusiv für „Mueli77’s Feine Welt“ geschrieben. Sollte sie euch gefallen haben, schaut doch mal bei uns vorbei.

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