Zinnober, Band Nr. 1 [Dead Diver Comics, Juni 2018]

Eigentlich wollte ich dieses Review schon sehr lange online bringen, aber irgendwas ist bisher immer dazwischen gekommen. Seien es andere Reviews, die ich zeitlich vorher unterbringen musste, Gesundheit oder einfach meine knapp bemessene Freizeit, es gab einfach immer wieder etwas, dass es verhindert hat. Aber heute ist es endlich soweit. Nun lümmelte zwar die PDF schon seit geraumer Zeit auf meiner Festplatte, Ralf war so lieb und hat sie mir zur Drucklegung zugesandt, aber wie bereits erwähnt kam immer etwas dazwischen und irgendwie wollte ich mir das Gefühl eines gedruckten Hardcovers in der Hand auch nicht nehmen lassen. Daher möchte ich mich auch noch einmal bei Ralf entschuldigen, dass es so lange gedauert hat. Es hat rein gar nichts mit der Qualität des Bandes zu tun, sondern ausschließlich mit mir. Nun aber los …

Zinnober, Band Nr. 1

Autor: Ralf Singh, Thorsten Brochhaus
Zeichner: Ralf Singh, Katrin Gal, Gabriel Ibarra Nunez, Nic Chapuis, Hannes Radke
Format: Hardcover
Umfang: 100 Seiten
Inhalt: Zinnober 1-3
Verlag: Dead Diver Comics
Preis: 27,00 Euro

Die Erde in nicht allzu ferner Zukunft. Neben den Menschen hat sich eine weitere Art hervorgetan und die Herrschaft übernommen. Die Drachen haben nun bereits seit mehr als 20 Jahren ihre Vormacht auf der Erde bekräftigt und die Menschheit zurückgedrängt und teilweise sogar vernichtet. Es gibt nur noch wenige Überlebende, die sich dem alltätlichen Kampf stellen und noch weniger, die versuchen die Drachen wieder zurückzudrängen. Eine der Überlebenden ist Claire, die ihre gesamte Familie vor zwanzig Jahren bei einem Drachenangriff verloren hat. Seitdem streift sie mit ihrem „Ziehvater“ James durch das Land, um Rache an den ihr verhassten Drachen zu nehmen. Während sich Claire recht gut entwickelt und schnell zu behaupten weiß, kommen James immer mehr Zweifel, ob der Weg den er Claire zeigt, auch wirklich der Richtige ist …

Rache, für Menschen, die etwas durch andere verloren haben, ist sie oftmals die letzte und einzige Motivation im Leben. Doch nicht immer ist Rache auch die Lösung für alle Probleme. Während Ralf Singh und Thorsten Brochhaus Claires Lehrmeister und Ziehvater bereits diese Sorgen „eingeimpft“ haben, ist Claire wiederum noch auf einem langen Weg der Erkenntnis. Schnell spürt man, dass die „einzige Motivation“ dieser jungen und toughen Frau nicht die richtige Entscheidung sein kann. Erst recht nicht, wenn man erkennt, dass Claire eigentlich ein recht warmherziger Mensch ist, dem Leben wichtig sind. Gut, nicht alle Leben, denn wie so oft untereilt sich auch Claires Welt in gute Menschen, schlechte Menschen und Menschen, die es selbst nicht wissen und oftmals von den schlechten manipulieren lassen. So ist die „Lehre der Geschicht’“ zwar allgegenwärtig, aber nicht so dominant, dass man darüber die an sich spannende, postapokalypische und dramatische Story vergisst. Im Gegenteil, recht schnell taucht man in die Fantasywelt aus zerstörter Zukunft und Fantasy mit Drachen ein, folgt den Figuren und leidet mit ihnen mit. Und zu Leiden gibt es einiges innerhalb der ersten drei Kapitel, die dieser Band umfasst.

Einen sehr großen teil zur passenden Atmosphäre tragen natürlich die Stimmungsvollen Bilder von Ralf Singh bei. Ralf, der mir erstmals durch seine Arbeit an einer Kurzgeschichte für Mr. Kill zum ersten Mal auffiel, hat seitdem eine unglaubliche Weiterentwicklung durchgemacht. Obwohl …
Wenn ich mich zurückerinnere, war es damals Thorsten Brochhaus, der mir einen Ausschnitt zu einer Mr. Kill-Kurzgeschichte per Facebook-Messenger zukommen ließ und ich dachte nur: „Wahnsinn! Das sieht aus wie aus einem Vertigo-Comic!“ So richtig umgehauen hat mich dann aber das Ergebnis, die komplette Kurzgeschichte. Das war echt weit über dem üblichen Niveau der bisherigen Plem Plem Productions-Titel und eine insgesamt sehr positive Entwicklung, die bis heute anhält. Sowohl bei Plem Plem Productions, als auch bei Ralf Singh.
Sein Artwork ist etwas Besonderes. Klare Linien und dennoch ein unglaublicher Detailreichtum. Die verlorenen Plätze, wie beispielsweise London, gleich zu Beginn des Bandes, wirken dennoch echt und real, als hätte man sie einfach nur von einem Foto oder dem realen Leben abgezeichnet. Grundsätzlich wirkt Zinnober sehr visuell und cineastisch. Die monumentalen Drachen, die Landschaften und auch die Menschen, die mehr als nur schmückendes Beiwerk sind, erwecken die Szenen zum Leben und man merkt, wie Singh mit dem Blickwinkel, der Kamera, spielt. Da gibt es die große Totale, als ein Drachen auftaucht, dann der Umschnitt zu einem der Anführer, direkt auf sein Gesicht, als er seine Befehle brüllt. Als Nächstes die Truppen, bewaffnet, nervös und angespannt und die ganze Zeit fragt man sich: „Was macht der Drache gerade?“, als die Frage auch schon im nächsten Panel beantwortet wird, indem der Kopf des Drachen zu sehen ist, der gerade versucht einige der Männer zu erwischen. All das auf nur einer Doppelseite.

Auch gute Zeichnungen sind nichts wert, wenn es nicht den passenden Inker und Koloristen gibt. Diese Aufgaben übernehmen Cristian Docolomansky als Inker und Ilaria Fella zusammen mit Nic Chapuis als Koloristen. Im Anhang erklärt Ralf Singh, dass er zuerst etwas zögerte, Cristian als Inker zu akzeptieren, weil dieser aus seinen Vorzeichnungen oftmals etwas anderes machte, als er es sich selbst vorstellte. Dem kann ich auch zustimmen, denn bereits sehr früh sind Thorsten und Ralf über Facebook mit ihrem Projekt an die Öffentlichkeit gegangen und haben viele Menschen am Entstehungsprozess teilhaben lassen. Und hier sieht man bei einigen Zeichnungen, was Ralf meint. ABER, und das meine ich sehr positiv, wirken seine Grundzeichnungen durch Cristians Arbeit noch besser, weil eben dieser kleine Unterschied in der Interpretation des Artworks vorhanden ist. Cristian erweitert Ralfs Vorzeichnungen um so viele Aspekte. Und ähnlich verhält es sich mit der Farbgebung. Sowohl Ilaria Fella, als auch Nic Chapuis bringen zusätzliches Leben in die Bilder. Und obwohl jeder über einen sichtbaren eigenen Stil verfügt, fällt es kaum auf, dass ab dem dritten Kapitel statt Ilaria Nic für die Farbgebung verantwortlich ist.

Um ein solches Werk auf die Beine zu stellen gehören allerdings noch mehr Leute dazu. Ursprünglich war „Zinnober“ nämlich nur als 6-teilige Miniserie für den US-Comicmarkt gedacht. Doch Ralf und Thorsten waren von dem Projekt so überzeugt, dass schon bald eine deutsche Fassung auf dem Plan stand. Während die US-Reihe jedoch in Form von 6 Einzelheften veröffentlicht wird, bedenkt man den deutschen Markt mit zwei schicken Hardcovern. Da nun aber die Basis eine US:Veröffentlichung war, und aufgrund der internationalen Zusammenarbeit auch die Story und alles in Englisch abgewickelt wurde, musste zur Unterstützung des Teams ein deutscher Übersetzer her, der die Texte in die deutsche Sprache übertrug. Die Wahl fiel auf Marc Schmitz, der unter anderem bereits für Panini, Dani Books und Cross Cult übersetzt und auch gleich noch so eine Art Artcoach für Ralf darstellt. Jemand, der ihn stetig antreibt besser zu werden und dabei auch noch hilfreiche Tipps gibt.

„Zinnober“ ist vor allem aber nur dank Kickstarter auf dem deutschen Markt gelandet. Die sorgfältig von Ralf ausgearbeitete Kampagne konnte bereits nach 12 Stunden verkünden. Ziel erreicht! Und ab da war alles nur noch Bonus. Ralf und Thorsten dachten sich weitere Ziele aus, um die Unterstützer zu belohnen. Für mich jedoch war die Ankündigung von drei Kurzgeschichten zur Erweiterung der Handlung von Zinnober das wichtigste Ziel. Hier haben Thorsten und Ralf drei ergänzende Storys aus dem Hut gezaubert, die wiederum von drei Künstlern, teils kongenial umgesetzt wurden.
Warum ich das hier extra erwähne? Nun neben Katril Gal, und Gabriel Ibarra Nunez mit Nic Chapuis ist auch an diesem Projekt der sehr talentierte Hannes Radke vertreten. Wie viele von euch wissen, bin ich ein echter Fan von Hannes geworden, der zuerst mit NiGuNeGu auf sich aufmerksam gemacht hat. Zwischenzeitlich hat er aber durch weitere Arbeiten bewiesen, dass er mehr als nur Comedy zeichnen kann. Der nächste Punkt der Begeisterung war sein Artwork für eine Mr. Kill-Kurzgeschichte. Und doch war ich etwas skeptisch, als ich hörte, dass er ein Zusatzkapitel für Zinnober bebildern sollte. Aber, was soll ich sagen. Dieses Kapitel ist für mich das beste der drei Zusatzkapitel, einfach weil Hannes erneut bewiesen hat, wie vielseitig er ist, und sich und seinem Stil dabei dennoch treu zu bleiben. Ganz ehrlich, dieses Zusatzkapitel, über das ich inhaltlich, wie auch zu den anderen zwei, kein Wort verlieren werde, hat mich fast sprachlos gemacht.

Nun habe ich in meinem Schreibprogramm satte 2 DinA4-Seiten verfasst und ich denke es wird Zeit für ein kurzes Fazit. „Zinnober“ ist für mich eine der Überraschungen des Jahres. Zwar habe ich damals beim Interview schon das komplette erste Kapitel lesen dürfen dun wusste in etwa, in welche Richtung das Ganze gehen sollte, aber dennoch hat mich das Ergebnis gefesselt und ich möchte gerne wissen, wie es weitergeht. Zum Glück startet im September bereits die Kickstarter-Kampagne zum zweiten Band, bei dem ich definitiv auch wieder dabei sein werde. Bis das erscheint, kann ich aber bedenkenlos jedem den ersten Band ans Herz legen. Ich für meinen Teil werde ihn mir noch ein paar Mal zu Hand nehmen. Denn der Hardcover-Band im US-Heftformat mit dem wunderschönen Cover von Nic Klein und Teilspotlackierung ist gut verarbeitet, liegt beim Lesen gut in der Hand und ehrlich gesagt ist der mir lieber, als das PDF. Ich mag eben auch die Haptik beim Comiclesen.

Copyright aller verwendeten Bilder © 2018 Dead Diver Comics / Ralf Singh

Shoplink:

„Zinnober“ im Kwimbi Webcomicshop bestellen.

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