Ein Leben in China: Die Zeit meines Vaters [Edition Moderne, September 2012]

Ein Leben in China hatte ich bereits schon länger im Blick, doch nun habe ich mir den ersten Band endlich zugelegt. Nach meiner China Rundreise kann ich mich nun auch in Comicform etwas mehr mit der chinesischen Kultur und der Geschichte auseinandersetzen.

Klappentext:
Ein Leben in China – Die Zeit meines Vaters – schildert das Leben des jungen Xiao Li von seiner Kindheit in den Fünfzigerjahren bis zum Tod Maos am 9. September 1976. Der Zeichner Li Kunwu bleibt dabei sehr nahe an seiner eigenen Biografie und beschreibt anschaulich und leidenschaftlich die Auswirkungen staatlicher Kampagnen wie „Großer Sprung nach vorn“ und Kulturrevolution auf den Alltag einer normalen chinesischen Familie.

Ein Leben in China: Die Zeit meines Vaters

Mao Zedong ist mit Sicherheit jedem Leser irgendwie ein Begriff. Zumindest hat man schon mal den Namen gehört, auch wenn man noch nicht so alt ist und wenn China irgendwie doch weit entfernt erscheint.
Ein Leben in China wird in drei Bänden erzählt. Dieser erste Band thematisiert die Ära Mao Zedongs aus der Sicht einer einfachen chinesischen Bauernfamilie. Sekretär Li heiratet in der chinesischen Provinz Yunnan die Frau Xiao Tao. Ihr erster Sohn Xiao Li soll bereits wie die erst sechs Monate alte Xiaoqun aus dem Nachbarviertel der Stadt die Worte „Möge der Vorsitzende Mao zweitausend Jahre alt werden“, sagen.
Das dies nicht so einfach funktioniert, sollte jedem klar sein, doch früh übt sich …
Bald darauf kommt Xiao Li seine Schwester Meimei zur Welt.

Ein Denunziationsbrief?

Ein Denunziationsbrief?

Der Leser erfährt, wie wichtig für die chinesischen Bauernfamilien der Wert des Geldes ist. Es ist beängstigend zu lesen, wie die Massen mobilisiert werden. Viel beängstigender ist es, dass es scheinbar funktioniert. Sekretär Li ist gereizt, da er sehr viel Verantwortung in seinem Amt zu tragen hat. Der Leser wird langsam eingeführt in das chinesische Leben der Familie, doch viel Zeit bleibt nicht, um sich einzuleben, denn der „Große Sprung nach vorn“ kündigt sich recht bald an. Von einem Tag auf den anderen gab es praktisch kein richtiges Privatleben mehr. Von nun an wurde morgens, mittags und abends gemeinsam in der Kantine gespeist, es wurde gemeinsam für ein Ziel gearbeitet. Der Vorsitzende Mao sagt, dass die Massen die wahren Helden sind. Der Leser erfährt recht viel über Mao Zedong, was er sagt, wie die Euphorie seiner Worte die Massen ansteckt, doch wirklich gesehen hat man ihn scheinbar sein ganzes Leben nicht. Es wurden sehr viele Hochöfen gebaut, jeder wollte seinen Teil dazu beitragen, China nach vorn zu bringen, China zu modernisieren. Selbst der Alltag in den Schulen veränderte sich im Sinne Mao Zedongs. Die alten chinesischen kulturellen Geschichten verlieren an Wert und Glaubwürdigkeit. Sie sollten langsam aber sicher ersetzt werden durch die Modernisierung des Landes. Im alten China herrschte der Feudalismus, Götter, Wahrsager und Weisheiten von damals sind veraltet, zum Glück haben die kommunistische Partei und der Vorsitzende Mao die alte Gesellschaft besiegt. Endlich darf das chinesische Volk glücklich sein, kannst du meine Worte verstehen Xiao Li? Im Sommer 1958 erreichte die Begeisterung ihren Höhepunkt, doch langsam aber sicher greift eine Hungersnot um sich und gerade die chinesischen Bauernfamilien in den kleinen Dörfern und Städten haben sehr darunter zu leiden. Das Leben erschwert sich von einem Tag auf den anderen, es geht darum zu überleben, denn die Nahrungsmittel sind sehr knapp geworden. Lieber Genosse, deine Schule soll ein Vorbild sein, also mach ein Vorbild daraus. So kam es, dass alle Schüler gemeinsame Aufgaben erhielten, wie zum Beispiel nach der Schule Ratten zu erledigen und als Beweis am Morgen den abgetrennten Schwanz mit in die Schule zu bringen. Daraus wurde ein Wettbewerb, welche Klasse hat die meisten Rattenschwänze innerhalb einer bestimmten Zeit mitgebracht? Neue Lieder wurden eingeführt, stärker als die Liebe der Eltern ist die Liebe des vorsitzenden Mao …

Hier gibt es die neusten Enthüllungen zu lesen ...

Hier gibt es die neusten Enthüllungen zu lesen …

Die Gedanken Mao Zedongs sind die Juwelen der Revolution, wer sich ihm entgegenstellt, ist unser Feind! Wir haben es tatsächlich geschafft, China unfruchtbar zu machen, ohne Bäume, ohne Insekten, ohne Ratten, ohne Vögel …
Wie viele Millionen Menschen sind damals gestorben? Die Historiker sind sich darüber nicht einig, waren es fünf Millionen, oder sogar zehn Millionen? Bis heute gibt es auch keine richtige Bezeichnung für diese Periode, aber sicher ist, dass 1962 der „Große Sprung nach von“ beendet wurde. Damit endeten auch vorerst die Naturkatastrophen.
In der Schule geht es weiter, neue Bücher über Lei Feng sind eingetroffen, der sein Leben in den Dienst des Volkes gestellt hat. Lernen wir von Lei Feng, jeder Schüler erhielt eines dieser Bücher, um so den Gedanken Mao Zedongs weiterhin zu folgen. In der Schule wurde den Schülern beigebracht, wie man sehr schnell herausfindet, was die drei Gifte sind, die es zu eliminieren galt. Der Feudalismus (alte Götter), der Kapitalismus (es fehlt die zentrale Lenkung des Staates) und der Revisionismus (können gesellschaftliche Veränderungen ohne eine Revolution umgesetzt werden?). China veränderte sich, nicht nur die eigenen Namen änderten sich, auch Gebäudenamen und Straßennamen. Die alten Gewohnheiten verloren sich, sie wurden verpönt und von der Masse abgelehnt, gar als Verbrechen bezeichnet. Dies wurde immer mehr kontrolliert und regelte sich letztendlich durch den Einsatz der Massen wie von selbst. Überall hingen wie an einem schwarzen Brett Anschuldigungen aus, denen die Massen letztendlich gemeinsam nachgehen konnten und so die entsprechenden Taten vor dem versammelten Volk präsentierten. Angst und Chaos beherrschten von nun an viele Familien. Die Kulturrevolution ist bereits in vollem Gange, Väter verschwinden, tauchen nicht mehr auf. In anderen Städten herrscht ebenfalls der Ausnahmezustand. Wappnet euch für den kommenden Krieg, kämpft für das Vaterland. Millionen von Menschen zogen in den Krieg. Dieser Band schildert anschaulich die politischen Wirrungen, ohne dabei zu kompliziert zu werden. Mit dem Tod Mao Zedong endet dieser Band. Vorsitzender Mao, ein Leben ohne dich, wie soll das nur gehen?

Alles kommt an das schwarze Brett ...

Alles kommt an das schwarze Brett …

Der Leser erfährt anhand der Familie des Sekretärs Li alle angesprochenen Themenschwerpunkte dieses Bandes sehr intensiv und authentisch nachvollziehbar. Es ist zugleich sehr beängstigend, wie die Mechanismen bereits in der Schule auf die kleinen Kinder wirken. Die Macht der Massenbewegung sollte nicht unterschätzt werden. Dieser Band ist definitiv anspruchsvolle Kost, die man auf jeden Fall gelesen haben sollte, wenn man sich mit der Geschichte von China mal anders als nur mit rein wissenschaftlichen Texten befassen möchte. Dabei wirkt die Geschichte noch lange im Kopf nach, wird dem Leser doch klar, dass die Story nah an der eigenen Biografie von Li Kunwu gezeichnet und geschrieben ist. Auf über 250 Seiten wird der Leser sehr gut unterhalten, erfährt viel über China und lernt so einen neuen Blick auf das Land der Mitte kennen. Das dabei eine Bauernfamilie im Vordergrund steht, macht diesen Band sehr sympathisch und die Atmosphäre umso intensiver, da die schwierigen Schicksale der einzelnen Protagonisten eine echte Herausforderung des Lebens darstellen. Gut gefällt mir auch, dass  hier Politik nicht zu anstrengend wirkt und der Leser nicht überfordert und erschlagen damit wird. Politische Hintergründe werden nur angedeutet und nicht tiefer gehend breit gefächert und dem Leser kompliziert erklärt, es steht das Familienleben und die politischen Auswirkungen auf die chinesische Bevölkerung im Vordergrund.
Zeichnerisch in schwarz-weiß, detailgetreu und dabei auch etwas wuselig und chaotisch aber immer noch so, dass der Leser Charaktere erkennen und behalten kann. Auf 10 Seiten gibt es ein sehr schönes Vorwort zu diesem Band, welches den Leser auf die folgenden Seiten behutsam vorbereit. Für mich definitiv ein Highlight, ich werde mir möglichst zeitnah auch die anderen beiden Bände dazu kaufen und lesen.
Eine passende thematische Umschreibung für diesen ersten Band wäre:

>>> Wie kann es sein, dass wir mit so viel Begeisterung in die Katastrophe gerutscht sind und dies nicht richtig bemerkt haben?<<<

Nur hier gibt es die neusten Meldungen zu lesen.

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1 – Die Zeit meines Vater
2 – Die Zeit der Partei
3 – Die Zeit des Geldes

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