Gravel Band Nr. 1: Strange Kiss – Stranger Kisses – Strange Killings [Dantes Verlag, Juni 2017]

Es gibt üble Scheiße. Es gibt kranke Scheiße. Es gibt verrückte Scheiße. Es gibt geniale Scheiße. Und es gibt Warren Ellis-Scheiße. Und wer Ellis‘ Arbeiten kennt, der weiß, dass Ellis-Scheiße eine Art Gütesiegel darstellt und von allem etwas beinhaltet. Kein Wunder also, dass ich mich am vergangenen Samstag auf dem Comicpark am Stand vom Dantes Verlag, auf das Angebot von Josua Dantes für ein Rezensionsexemplar für den ersten Band von „Gravel“ entschieden habe. Danke noch einmal an Josua für dieses Angebot, und „Du wirst es sicher nicht bereuen!“, denn was ich jetzt schon sagen kann ist, dass ich mir mit großer Sicherheit die Bände zwei und drei bestellen werde. Doch nun erst einmal zum ersten Band der durchgeknallten Serie rund um den Kampfmagier William Gravel …

Gravel Band Nr. 1

William Gravel ist ein ehemalige britischer Elitesoldat. Stabsfeldwebel. Inzwischen arbeitet er für das SAS. Ein „K“. Zuständig für „Inexistente Operationen“. Ein Mann für das Grobe. Die Drecksarbeit. Und wenn etwas schief geht, kennt ihn keiner. Aber Gravel ist weitaus mehr. Er ist ein Kampfmagier und so gut wie unsterblich. Auf jeden Fall ist er schon viele Jahrtausende alt. Und wenn man ihn braucht, egal ob Freund oder Auftraggeber, ist William da und setzt seine „speziellen“ Fähigkeiten ein. Sei es gegen einen Echsendämon, der versucht sich auf der Erde zu vermehren, eine durchgeknallte Filmfirma für ganz spezielle Snuff-Filme oder ein mysteriöser Gefangener, der ein ganzes Gefängnis unter seiner Kontrolle hat. William Gravel hat immer die richtigen Mittel …

„Gravel“ hat durchaus Ähnlichkeiten mit anderen Vertretern dieses Genres. „Transmetropolitan“, „Preacher“ oder „Crossed“ sind nur einige Titel, bei denen es ähnlich hart und manchmal verstörend zugeht. Doch anders als inzwischen bei „Crossed“ beispielsweise, wo man das Gefühl bekommt, dass die Darstellung von Gewalt und Sex nur noch ein Mittel zum Zweck der Empörung sind und die Geschichten auf der Strecke bleiben, verhält es sich bei „Gravel“ anders. Natürlich gibt es auch hier schon auf den ersten Seiten herumfliegende und abfallende Körperteile, viel nackte Haut und mehr zu sehen, aber dennoch gibt es nachvollziehbare und logische Handlungsbögen, die in diesem Band allerdings vorrangig darauf ausgelegt sind, den Charakter William Gravel vorzustellen und seinen Status zu festigen, sowie seine Fähigkeiten zu präsentieren. Dennoch umgibt den Kampfmagier auch nach diesen über 200 Seiten und jeweils dreiteiligen Miniserien umfassenden Paperback noch genug Geheimnisse. Gut, bei „Gravel“ gibt es keinerlei „Botschaft“ oder „Moral“, wie sie manchmal in anderen Werken von Ellis versteckt sind. Auch gibt es keine sichtbare Kritik an der Gesellschaft oder ähnliches. „Gravel“ dient einzig und allein der Unterhaltung und Warren Ellis bedient sich vieler Elemente, wie sie in britischen Anthologien wie „2000A.D.“ zu finden waren.

Die kreativen Köpfe hinter „Gravel“ sind nicht nur Autor Warren Ellis, sondern auch Zeichner und Co-Autor Mike Wolfer, die dem Kampfmagier seit November 1999 in Form von mehreren Miniserien und einer 22-teiligen „Ongoing“ immer wieder neues Leben einhauchen. Sind die Zeichnungen in diesem Band, und den beiden nachfolgenden, noch in Schwarz/Weiß gehalten, wird es ab dem vierten Band bunt. Doch Farbe braucht es in Band Eins noch gar nicht. Vielmehr ist es so, dass das Schwarz/Weiß-Artwork, angereichert mit einigen Graustufen, vollkommend ausreichend ist und eine ganz eigene Stimmung erzeugt. Natürlich gibt es noch immer die Skeptiker, die behaupten, dass sich Comics in klassischem Schwarz/Weiß nicht verkaufen würden, dass es zwingend Farbe braucht, um erfolgreich zu sein. Und ich sage „Nein!“, es braucht keine Farbe. Crossed ist bunt und reizt mich weitaus weniger, als „Gravel“ dazu imstande ist. Und „Nein!“ auch die diversen Darstellungen von Gewalt und Sex, wobei der Sex hier eher beiläufig erscheint, benötigen keine Farben. So, wie es derzeit ist, passt das Ganze sehr gut und Mike Wolfers Zeichnungen sehen in Schwarz/Weiß einfach atemberaubend gut aus, zumal er auch ein fast schon klassisches Spiel mit Licht und Schatten beherrscht und dies in seine Zeichnungen gelungen einbindet. Allerdings muss ich auch zugeben, dass dies nicht alleine Wolfers Verdienst ist, da Dan Parsons für die Grautöne zuständig ist und somit einen nicht unerheblichen Teil zur Stimmung beiträgt. Ebenfalls sehr wichtig, gerade bei Warren Ellis, ist die Übersetzung, die in im Falle „Gravel“ von Jens R. Nielsen übernommen wurde. Schon beim Gespräch mit Josua zum Comicpark waren wir uns einige, dass es nicht so leicht ist, immer die richtigen deutschen Worte zu finden, wenn man Texte aus dem Englischen (oder einer anderen Sprache) übersetzt, da vieles nicht so einfach im Deutschen funktioniert und manchmal, gerade bei umgangssprachlichen Aussagen, kein adäquates deutsches Pendant existiert. Und wenn es denn einmal inhaltlich ähnliche Versionen gibt, ist es immer noch schwierig genug diese so einzubinden, dass der Lesefluss nicht ins stocken gerät. Beides hat Nielsen hier prächtig gemeistert.

So, und nun kommen wir zu dem Punkt, der bereits in der Einleitung zu erkennen ist. Die erste Ausgabe von „Gravel“ hat mich dermaßen begeistert, dass ich mir die nächsten beiden bestellen werde. Auch, wenn die Serie keine leichte Kost ist, und sich am besten in wohldosierten Dosen genießen lässt, wie auch ein guter Wein oder Whisky, so erzeugen bereits die ersten Seiten eine gewisse Bindung, die mich zumindest schnell fasziniert hat. Ich möchte daher gerne wissen, wie es mit William Gravel weitergeht, welche verrückten Dinge er noch erlebt und wie verdammt nochmal er es immer schafft, aus allem fast unbeschadet herauszukommen. Denn ehrlich gesagt, hat er bisher noch nicht wirklich viel Magie eingesetzt und das alleine birgt meines Erachtens noch sehr viel Potenzial. Also Josua, meine Bestellung wird definitiv kommen. Zwar wird die Reihe mit dem voraussichtlich im Juni erscheinenden siebten Band erst einmal abgeschlossen sein, aber so weiß man wenigstens, dass einen nicht noch eine weitere unendlich laufende Ongoing monatlich den Geldbeutel belastet, nur weil man gerne wissen möchte, wie es weitergeht. Und sollte irgendwann ein achter Band kommen, ist wenigstens noch ein bisschen Zeit bis dahin. Und so schließe ich dieses Review mit einem Zitat von Warren Ellis aus diesem ersten Band, als kleine Anspielung, für alle die den Band schon gelesen haben. Wer es noch nicht getan hat, sollte es im Anschluss schnellstens tun. Andernfalls würde euch das Verständnis dafür fehlen. Also: „Komm damit klar!“

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