Marvel Comic Klassiker (6): Epic Comic-Collection Nr. 1 – Der Tod des Captain Marvel [Condor, November 1983]

Lange Zeit habe ich die Marvel Comic Klassiker ruhen lassen. Mehr als zwei Jahre, um genau zu sein. Darum muss auch eine ganz besondere Ausgabe herhalten, um diese Rubrik neu zu beleben. Und wer wäre da besser geeignet als Jim Starlin. Starlin ist einer jener Künstler, welcher die Comicfans spaltet. Entweder man liebt ihn für seine Werke, oder man kann so rein überhaupt nichts mit ihm anfangen. Dazwischen gibt es nur wenig. Doch auch die Kritiker von Starlin müssen anerkennen, dass er mit The Death of Captain Marvel, so der Originaltitel der ersten Ausgabe der Marvel Graphic Novel-Reihe vom April 1982, etwas ganz Besonderes geschaffen hat. Denn zum ersten Mal stirbt ein Comicheld nicht im Kampf, aber dennoch einen sehr heldenhaften Tod. Aber ich greife voraus …

Epic Comic-Collection Nr. 1:
Der Tod des Captain Marvel

Captain Marvel, eigentlich Mar-Vell vom Planeten der Kree, im Rang eines Captains, sollte ursprünglich die Erde auskundschaften, um sie von den Kree erobern zu können. Doch je länger er die Erde beobachtete, auskundschafte und studierte, um so mehr verliebte er sich in den Planeten und dessen Bewohner. Er kehrte seiner Heimatwelt den Rücken und fand auf der Erde ein neues Zuhause und viele Freunde. Doch auch diese Freunde können ihm jetzt nicht mehr helfen, bei seinem wohl schwersten Kampf. Bisher ist er immer siegreich aus jeder Konfrontation hervorgegangen, aber dieser Kampf, der gegen seinen eigenen Körper, welcher dem Zerfall durch den Krebs preisgegeben ist, kann er nicht gewinnen. Die klügsten Köpfe der Erde, allen voran, Reed Richards, Tony Stark, Henry McCoy und viele andere versuchen ihm zu helfen, scheitern jedoch an dem, was ihm letztendlich noch am Leben hält. Die Nega-Bänder, welche ihm seine Kraft verleihen, haben den Krebs lange unterdrückt, doch jetzt, wo ihre Kraft schwindet, konnte sich die tödliche Krankheit ihren Weg bahnen. Leider verhindern sie auch den Einsatz jeglicher Therapien, da sie diese abblocken, und auch ein Entfernen ist keine Option, da sie den sofortigen Tod Mar-Vells zur Folge hätten. So bleibt den Helden der Erde und auch den größten Feinden Mar-Vells, der Skrulls, letztendlich nur eines übrig: ihren Freund und den größten Krieger der Galaxie auf seinem letzten Weg zu begleiten …

Ein schwerer Abschied.

Wie bereits in der Einleitung erwähnt, spaltet Autor und Zeichner Jim Starlin die Comicfans. Es gibt große Verfechter seiner Werke und jene die diese für überschätzt halten. Dennoch, und auch weil ich mich eigentlich zu keiner der beiden Gruppen zählen möchte, muss sagen, dass der Tod des Captain Marvel auch heute noch eine zeitlose, epische und vor allem sehr emotionale Geschichte ist. Ganz ohne eine rosa Fanbrille oder Abneigung ist dieses Werk in meinen Augen ein Comicklassiker und über jeden Zweifel erhaben. Auf den 64 Seiten dieses im November 1983 erschienen Comic-Albums aus der extra hierfür neu gestarteten Epic Comic-Collection des Berliner Condor-Verlages präsentiert Starlin nicht nur das Ende eines großen Helden, sondern erzählt auch gleich dessen Werdegang, seine Herkunft und die wichtigsten Etappen seines Lebens. Die schafft er, indem er den Helden seine Geschichte, sein Leben, als eine Art Tagebuch auf Tonband aufnehmen lässt und den Leser so auf eine turbulente und abenteuerliche Reise mitnimmt.

Mar-Vell erinnert sich an Freunde und Feinde.

Schon alleine hierdurch werden die über 60 Seiten sinnvoll gefühlt, ohne das eigentliche Ereignis, den Tod des Captains, zu sehr in die Länge zu ziehen. Und dennoch bleibt genug Zeit sich dem langsamen Verfall, den vergeblichen Mühen, den Verabschiedungen von Freunden und Anerkennungen von Feinden zu widmen. Starlin zeigt einen Helden, der bis zum Ende kämpft, sich aber dennoch seinem Schicksal stellt und dieses akzeptiert. Er schildert den persönlichen Kampf gegen die tödliche Krankheit so intensiv, dass man glaubt, er lässt persönliche Erlebnisse einfließen und dies spürt man auch.
Die Zeichnungen sind ein Produkt ihrer Zeit, sprich man merkt ihnen ihr Alter spürbar an. Dies bedeutet aber nicht, dass sie grundsätzlich schlecht sind. Auch alte Filme haben ihren Reiz, der schlecht zu erklären ist. Ähnlich verhält es sich mit Starlins Zeichnungen, die aber in für mein persönliches Empfinden, ein großes Manko haben. Immer wieder gibt es verschobene Gesichter und Körper zu sehen. Zwar wird die Anatomie von Starlin durchaus ernst genommen und auch beachtet, aber manchmal sieht es aus, als würden Körper- oder Gesichtshälften unverhältnismäßig lang gezogen, wodurch eine sehr schräge Optik entsteht. Dafür kann Starlin aber mit sehr detailreichen Bildern aufwarten, was zur damaligen Zeit durchaus keine Selbstverständlichkeit war. Ein weiterer Pluspunkt ist die Koloration von Steve Oliff, der in der deutschen Fassung nicht einmal erwähnt wird. In meinen Augen vollkommen zu Unrecht, denn was Oliff hier abliefert ist schon mehr als nur Standard. Seine Farbgebungen sind wunderschön, fast schon malerisch und fügen sich ideal in die detailreichen Zeichnungen von Starlin ein. Eigentlich hätte es diese Story verdient, erneut aufgelegt zu werden, damit möglichst viele von diesem Kleinod begeistert werden können. Allerdings reift dann in mir die Befürchtung, dass sie durch eine moderne Computerkoloration sehr viel von ihrem Charme verlieren könnte.

Die tödliche Diagnose!

Auch das von Condor gewählte Albumformat kommt der Geschichte, aber vor allem den Bildern, sehr zugute. Hierdurch wirken die Zeichnungen imposanter und noch detaillierter, als sie es ohnehin schon sind. Selbst bei der Eindeutschung hat man sich sehr viel Mühe gegeben. Wobei „man“ hier falsch ist. Immerhin war Dr. Klaus Strzyz als einer von Condors Stammübersetzern, für die Arbeit zuständig. Das Lettering ist typisch für die Zeit und einer Comicschrift nachempfunden. Später wurde diese dann in sämtlichen Marvel-Publikationen verwendet, mit Ausnahme der Taschenbücher, wo bis zum Schluss eine Arial-ähnliche Font genutzt wurde. Aber es gibt auch Momente, bei denen im Album wirklich eine echte Handschrift Verwendung fand. Immer dann, wenn der Text sich in das Gesamtbild eingliedern und somit ein Teil davon, werden musste. Doch wie auch schon beim Koloristen und Übersetzer lässt sich im Album selbst keinen richtiger Hinweis darauf finden, wer diese Arbeiten vollbracht hat. Lediglich Jim Starlin wird als Künstler genannt. Es sei denn, man widmet sich dem Impressum etwas genauer. Dort werden zumindest einige der beteiligten Personen kurz erwähnt, wenn auch im Fall von Steve Oliff stattdessen Stece Oliff genannt wird. Gerade im Vergleich mit dem doch wesentlich komplizierteren Namen von Dr. Klaus Strzyz (der im Übrigen richtig geschrieben ist) finde ich das doch schon arg befremdlich.

Alle kommen sie, um sich zu verabschieden.

Doch davon abgesehen ist der Band ein echter Comic Klassiker und verdient es zu Recht, gelesen und gesammelt zu werden. Auch wenn man mit Captain Marvel bisher nicht so viel anfangen konnte, und ich meine diesen Mar-Vell hier und nicht die aktuelle Version, wird einem eine ganz besondere und emotional starke Geschichte geboten, ohne das diese in zu viel Pathos abdriftet. Wer jetzt den Band gerne sein eigen nennen möchte, der sollte sich im Internet bei den üblichen Gebrauchtportalen umsehen oder seinen lokalen Comicdealer besuchen. Im Schnitt liegt der Preis bei 5 bis 10 Euro je nach Zustand.

Das Backcovermotiv, einmal als Originalzeichnung von Jim Starlin, dann vom US-Original und von der deutschen Epic Comic-Collection Nr. 1.

Copyright aller verwendeten Bilder © 1982-2015 Marvel & Subs. / Condor Verlagsgruppe Berlin

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