A History of Violence – Wie gut ist der Film im Vergleich zum Comic?

Schon mit „From Hell“ habe ich einen Film/Comic-Vergleich gewagt. Eigentlich könnte ich dies bei vielen Comicverfilmungen machen, die im Paniniforum Filmrun an die Reihe kommen. Aber wenn ich ehrlich bin, würde das nur in Arbeit ausarten und dieser Blog soll mir ja vor allem Spaß machen. Daher selektiere ich ein wenig und entscheide mit ganz spontan bei manchen Filmen. So ist es auch bei „A History of Violence“ der Fall, von dem nur wenige wissen, dass es sich um eine Comicverfilmung handelt. Eine sehr schöne Liste von Comicverfilmungen gibt es bei Wikipedia. Schaut mal rein und ihr werdet überrascht sein, wie viele es gibt, von denen ihr es nie gedacht hättet. Da ich mich dem Film und Comic dieses Mal sehr ausführlich widmen will, möchte ich alle die Comic und/oder Film noch nicht kennen vor Spoilern warnen, die definitiv enthalten sind.

Der Comic:

In der von John Wagner geschriebenen und Vince Locke gezeichneten Graphic Novel aus dem Hause Vertigo, welches ein Imprint von DC Comics ist, geht es von der ersten Seite an richtig zur Sache. Zwei Gauner, die kurz zuvor ein Anhalterpärchen ermordet und ausgeraubt haben, kommen in Tom McKennas Bistro. Dort sind sie aber an den Falschen geraten. Denn, als sie Tom ausrauben wollen, schlägt dieser brutal zurück und wird zum gefeierten Helden. Durch die mediale Präsenz wird der Mafiagangster Johnny Torrino auf ihn aufmerksam. Mit zwei seiner Lakaien besucht er Tom McKenna, den er noch als Joey kennt und der ihn vor vielen Jahren in Brooklyn übel mitgespielt hat. Johnny Torrino hat wegen Joey und seinem damaligen Freund Richie, der sich wegen des Mordes an seinem Bruder Steve an einem anderen Mafiamitglied rächen und gleich noch ein wenig Geld machen wollte, sein rechtes Auge verloren. Torrino glaubt nun in Tom den alten Joey wiederzuerkennen und will dies auch mit einem abgetrennten linken kleinen Finger beweisen. Auch Tom fehlt der linke kleine Finger und so stellt Torrino Tom mit seinen Männern zur Rede. Vor Toms Haus eskaliert schließlich die Situation, nachdem Torrino mit Toms Sohn Buzz als Geisel auftaucht. Erneut muss sich Tom wehren und schafft es alle drei Gangster zu erledigen.
Nach diesem Vorfall kommt er nicht umhin, seiner Frau Edie die Wahrheit über seine Vergangenheit zu erzählen. Gerade als er und Edie glauben es sei vorbei, erhält Tom einen seltsamen Anruf. Am anderen Ende der Leitung ist sein Freund Richie, den Tom, alias Joey, seit mehr als zwanzig Jahren tot glaubt. Dieser befindet sich offenbar in der Gewalt von Lou Manzi Junior, dem Sohn des Mannes, den Richie und Joey vor vielen Jahren ermordet und beraubt hatten. Um endlich Frieden mit seiner neuen Familie zu finden, muss Joey zurück nach Brooklyn, seinen Freund befreien und diese Sache ein für alle Mal klären.

Tom trifft auf einen alten Bekannten mit unumstößlichen Beweisen.

John Wagner erzählt eine atmosphärisch unglaublich dichte Geschichte mit sehr gut ausgearbeiteten Figuren. Selbst kleinste Nebenfiguren werden hier nicht zu platten Klischees degradiert. Zwar ist die Geschichte spätestens ab dem Vorfall im Bistro klar und absolut vorhersehbar, aber in diesem Fall ist der Weg das Ziel und ein paar kleine Überraschungen hat Wagner trotzdem noch in der Hinterhand. Wagner erzählt in drei Kapiteln jeweils drei wichtige Abschnitte aus Toms/Joeys Leben. Während sich das erste Kapitel vorrangig mit den Ereignissen in Toms Kleinstadtidylle beschäftigt, widmen sich die anderen beiden Kapitel den Ereignissen in Brooklyn, wobei Kapitel Zwei sich mit Joeys Vergangenheit beschäftigt und Kapitel Drei die abschließenden Ereignisse der Gegenwart erzählt. Neben starken Emotionen scheut sich Wagner aber auch nicht die Gewalt, welche gerade in Amerika allgegenwärtig ist, in seiner ganzen Grausamkeit dem Leser vor Augen zu führen.
Um dies visuell entsprechend umzusetzen, wurde Vince Locke als Zeichner ausgewählt. Wie auch schon bei „From Hell“, von Alan Moore und Eddie Campbell, gibt es bei „A History of Violence“ keinerlei Farben oder Grauabstufungen. Alle Ereignisse werden in minimalistischem Scharz und Weiß dargebracht. Wer jetzt allerdings glaubt, dass hierdurch Elemente verloren gehen könnten, den kann ich beruhigen. Gerade wegen der auf die notwendigsten Dinge beschränkten Stilmittel erzeugt Vince Locke eine sehr überzeugende und spürbar dichte Erzählweise. Auch die bereits angesprochenen Grausamkeiten werden in ihrem Detailreichtum in keinster Weise eingeschränkt, was manchmal sehr erschreckend ist.

Der Film:

David Cronenbergs Umsetzung der Comicvorlage bestreitet einen gänzlich anderen Weg. Sie beginnt wesentlich ruhiger und bedient sich nur ausgewählter Elemente des Comics. Zwar gibt es auch hier die beiden Gangster, welche alles ins Rollen bringen, aber Tom heißt zum einen nicht McKenna, sondern Tom Stall und ist selbst ein ehemaliger Mafiagangster mit Namen Joey Cusack. Aus John Torrino wird Carl Fogarty, und Richie ist auch nicht sein Freund, sondern sein Bruder, der wiederum auch ein gänzlich anderes „Schicksal“ erleidet. Grundsätzlich nutzt die Verfilmung hauptsächlich nur das erste Kapitel und bedient sich aus den anderen beiden nur zu einem geringen Prozentsatz. Hierdurch geht sehr viel der Charakterisierung der Hauptfigur Tom/Joey verloren. Seine wahren Beweggründe werden verwässert und zum Klischee abgestempelt. Grundsätzlich legt der Film viel mehr Wert auf die Familienbeziehung und durch die Ereignisse ausgelöste Spannungen, als es im Comic der Fall ist.

Edie (Maria Bello) verführt ihren Mann.

David Cronenberg liefert keine wirkliche Adaption des Comics ab, sondern kreiert seine eigene „Gewaltballade“. Mit eindringlichen und sehr dunklen Bildern erzählt er Toms Geschichte gänzlich anders. Cronenbergs Fokus liegt auf der Familie und nicht auf Toms Leben und wie er mit der Situation klarkommt. Andererseits ist John Wagners Graphic Novel auch sehr schwer umzusetzen, wenn man sich ganz streng an die Vorlage halten will. Nicht etwa wegen des Inhaltes an sich, sondern eher wegen der doch beschränkteren Stilmittel und der komplett anderen Erzählstruktur, die einem das Medium Film bietet. Dinge die im Comic funktionieren und auch gut aussehen, können auf der Leinwand unglaubwürdig, lächerlich oder übertrieben überzogen wirken. Zwar wurden ein paar Elemente aus dem Comic übernommen, dafür aber anders arrangiert. So gibt es am Anfang die Szene mit den zwei Räubern, welche im Film keine Anhalter ausrauben sondern die Besitzer eines Motels ermorden und auch deren Tochter. Dieses Mädchen mit seiner Puppe kommt auch im Comic vor, allerdings ist sie dort die Tochter eines Kunden in Toms Bistro und wird auch nicht ermordet.
Trotz allem liefern gerade Viggo Mortensen (Tom Stall) und Maria Bello (Edie Stall) sehr gute schauspielerische Leistungen ab. Aber auch William Hurt (Richie Cusack) und Ed Harris (Carl Fogarty) wissen zu überzeugen. Selbst einige der massiven Gewaltdarstellungen schafften es in den Film, wobei auch hier Abstriche gemacht werden mussten, da manches doch sehr exzessiv wäre, was den Film dennoch nicht vor einer FSK 18 rettet. Allerdings wirkt mir diese Einstufung doch ein wenig übertrieben, wenn ich Filme wie 300 oder Sin City als Vergleich heranziehe. Da fällt „A History of Violence“ wesentlich „harmloser“ aus. Und dann gibt es da noch die Behauptung, dass nur die DVD in Deutschland ungeschnitten ist, weil die hierzulande veröffentlichte Bluray auf der US Rated-R Fassung basieren soll. Allerdings sind diese Unterschiede so minimal, dass sie kaum auffallen, und äußern sich auch nicht in einer anderen Laufzeit, da keine Szenen entfernt, sondern nur Bluteffekte digital reduziert wurden.

Gewaltdarstellung im Comic (Richie nach 20 Jahren Folter) und im Film.

Sieht man den Film als eigenständiges Werk an, dann ist er durchaus gelungen und hat viele gute Ideen und Momente. Zusammen mit den Darstellern ist der Film fast schon ein kleines Highlight, wenngleich es für viele Fans nicht Cronenbergs bester Film ist. Aber das ist wie immer Geschmackssache. Vergleicht man den Film aber mit der Comicvorlage, was irgendwann unausweichlich der Fall ist, verliert dieser sehr stark. Denn die Stimmung des Comics kann der Film nicht einfangen und wiedergeben. Vielmehr wirkt er wie ein farbloses Abziehbild des Comics, wobei mir die Probleme, einer der Vorlage gerechten Umsetzung, schon klar sind. Trotzdem würde ich jedem, der nur den Film kennt, ganz klar den Comic ans Herz legen, und selbst wenn man sich nur für eine der beiden Versionen entscheiden müsste, dann wäre dies in meinen Augen der Comic.

Ein und dieselbe Figur: Im Comic (Johnny Torrino) und im Film (Carl Fogarty).

Copyright aller verwendeten Bilder © 1997-2015 DC Comics/Vertigo / Panini Comics / New Line Cinema / Warner Home Video

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