Buddha Band 1 bis 10 [Carlsen, April 2012 bis Oktober 2014]

Dominik_AVAMit dem zehnten abschließenden Band der ausgezeichneten Reihe (unter anderem der renommierte Eisner Award) und vielen sehr erfolgreichen internationalen Veröffentlichungen weltweit, endet ein humanistisches Epos, welches mit großer Sicherheit zu den großen Meisterwerken japanischer bzw. allgemeiner Comicliteratur gehört.

Der Japaner Osamu Tezuka wuchs unter buddhistischen Einflüssen auf, er arbeitete rund zehn Jahre an den Buddha Bänden.
Der Carlsen Verlag hat sich zur Aufgabe gemacht, sein Werk originalgetreu in einer handlichen Hardcoverausgabe (14,5 cm. Mal 21 cm.) von rund 300 bis 320 Seiten pro Band zu veröffentlichen.
Wer sich auch nur annähernd für den Buddhismus, asiatische Kultur bzw. das Leben des Buddhas interessiert, dem sei die gesamte Reihe wärmstens ans Herz gelegt.
Seit April 2012 hat mich die „Buddha“ Reihe in ungefähren Abständen von 3 Monaten stets begleitet.
Ende Oktober 2014 ist der zehnte abschließende Band erschienen und ein humanistisches Epos endet im Nirvana.

Buddha ist komplett

Buddha ist komplett

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Der arabische Frühling [Carlsen, Dezember 2013]

Politik und Comics sind keine leichte Kombination und es kann sehr leicht schief gehen. Aber es kann auch sehr gut werden, wenn man jemanden im Team hat, der sich mit dem Thema und dem Medium Comic als Erzählkunst auskennt. Zu welcher Kategorie „Der arabische Frühling“ gehört, könnt ihr nun hier nachlesen. Der Band wurde mir freundlicherweise von Carlsen als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt und hierfür bedanke ich mich herzlichst.

Der arabische Frühling

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Gibrat – Jeanne und Cėcile (Artbook) [Salleck Publications, Dezember 2011]

Dominik_AVAJeanne und Cėcile begleiten mich auch bereits eine geraume Zeit. Seitdem ich angefangen habe mich für Comics zu interessieren, schwerpunktmäßig für den franko belgischen Raum, begleiten mich die Werke von Jean – Pierre Gibrat. Angefangen mit „der Aufschub“ und „Von Dieben und Denunzianten“ über „Mattėo“.

In diesem Artbook finden sich viele Illustrationen die zwischen 1997 und 2005 entstanden sind. Beinahe alle drehen sich vorrangig um Jeanne und Cėcile. Etliche bisher unveröffentlichte Illustrationen, in denen Gibrat seinen expressiven Zeichenstil mit bezaubernd leuchtenden Farben harmonisch verbindet, offenbaren sich dem geneigten Leser.

Gibrat - Jeanne und Cėcile
Gibrat – Jeanne und Cėcile

Mit einem stolzen Preis von 49 Euro ist dieser Band jedoch nicht nur für Fans von Gibrat und seinen Werken, insbesondere von Jeanne und Cėcile. An sich kann hier jeder zuschlagen, der sich von wunderschönen Zeichnungen und Bildern inspirieren lassen möchte. Die beiden Damen kann man sich immer wieder unbeschwert anschauen. Diese enorme Ausdruckskraft die Gibrat seinen Frauen verleiht ist schier unglaublich. Es lässt sich schwer in Worte fassen, aber seine Zeichnungen lassen Gedanken und Gefühle lebendig wirken. Leicht erotisch, aber nie explizit sind seine Illustrationen.

Die Aufmachung dieses Bandes ist im Hardcover Querformat, beinahe viereckig (Maße: 27,1 x 28.1 cm).
Dieser Band liegt dabei sehr schön in der Hand, die Seiten lassen sich gut durchblättern.

Jeanne in ihrem Zimmer

Jeanne in ihrem Zimmer

Eric Verhoest lässt anhand seiner einleitenden Worte den Leser an den Werken von Jean – Pierre Gibrat teilhaben. Dabei schildert er die jeweiligen Schwerpunkte der einzelnen Alben.
Die folgenden Seiten beinhalten jeweils entweder eine Skizze oder eine farbige Illustration von Jeanne und Cėcile. Einige farbige Illustrationen sind auch beidseitig und sprechen allein gelassen für sich. Fast alle Skizzen und Illustrationen werden durch einen kleinen am Rande begleitenden Text näher erläutert.

Cėcile und Jeanne sehen sich sehr ähnlich aus

Cėcile und Jeanne sehen sich sehr ähnlich aus

Auf 120 Seiten bekommt der Leser einen sehr schönen Einblick rund um die beiden Damen Jeanne und Cėcile.
Immer wieder gibt es einige Momente, in denen man einfach gedanklich im Bild verschwindet. Die Ausstrahlung dieser Frauen ist einfach unglaublich schwer zu beschreiben.
Als Fan ist dieses Artbook sowieso ein Pflichtkauf, für alle anderen sei gesagt, ein Blick lohnt sich. Natürlich darf man den stolzen Preis nicht vergessen, aber das muss dann jeder für sich selbst entscheiden. 

Eine Bleistiftskizze

Eine Bleistiftskizze

Copyright aller verwendeten Bilder © 2011 Salleck Publications

Diesen Band kann man bei Amazon erwerben

Neil Young Greendale [Panini, Juli 2013]

Dominik_AVAHeute möchte ich euch über einen sehr interessanten Comic berichten. Ich hätte ihn mir sehr wahrscheinlich niemals selber gekauft, steht er doch nicht auf meiner „zu kaufen“ oder „ ich wünsche mir in absehbarer Zeit“ Liste. Diesen Comic habe ich zum Geburtstag von meinem Cousin geschenkt bekommen und weil ich in erster Linie mit dem Klappentext nicht so viel anfangen konnte war ich um so gespannter darauf, wie dieser Comic mir wohl gefallen würde.

Neil Youngs Greendale

Nun, dieser Comic wird geleitet vom legendären Musiker Neil Young. Mir ist Neil Young ehrlich gesagt kein großer Begriff gewesen und auch jetzt habe ich diesen noch nicht weiter gegoogelt. Das ist aber auch nicht weiter tragisch, denn die Geschichte funktioniert auch einwandfrei ohne jegliches Vorwissen über Neil Young. Jedenfalls erzählt diese Graphic Novel die gesamte Geschichte der berühmten Rockoper von Neil Young in traumhaft schönen Bildern.

Der Stammbaum der Familie Green

Der Stammbaum der Familie Green

Mit der Aufmachung dieses Bandes bin ich sehr zufrieden. Gebunden im handlichen Format (Maße: 17,7 x 26,6 cm ) lässt sich diese Graphic Novel sehr gut lesen und auch in der Hand halten.

Auf der ersten und der letzten Seite befindet sich jeweils eine Abbildung des Stammbaumes der Familie Green. Diese beiden Seiten sind für mich für das allgemeine Verständnis der Geschichte und für die Beziehungen der Charaktere untereinander von enormer Bedeutung gewesen. Ich habe des öfteren mir diesen Stammbaum anschauen müssen, da fast jede Person in Bezug auf den Hauptcharakter Sun Green näher beleuchtet wird. Und somit geht es in erster Linie darum, alle Personen näher vorzustellen und in einen Gesamtzusammenhang zu bringen.

Sun Green scheint anders zu sein als die anderen Kinder in ihrem Dorf. Sie hat eine besondere Beziehung zur Natur. Eines Tages erscheint ein Fremder in ihrem Dorf der ihr Leben auf den Kopf zu stellen scheint. Von nun an müssen einige Leute sterben.

Eine Rückblendung aus alten Tagen

Eine Rückblendung aus alten Tagen

Wie bereits der Klappentext beschreibt, kann ich nur zustimmen, dass diese Geschichte eine inspirierende Fabel über das politische Heranreifen einer jungen Frau in Amerika ist.  An dem Tag wo in Bagdad die Bomben fallen erscheint der mysteriöse Fremde in Greendale. Immer wieder wird Bezug auf das damalige Kriegsgeschehen genommen. In den Medien wird zwischenzeitlich über den Einsatz im Irak berichtet. Die gesamte Geschichte beinhaltet eine angenehme Portion Magie die nie zu penetrant auf den Leser wirkt. Der mysteriöse Gegenspieler behält dadurch etwas sehr unheimliches, fremdes und zugleich auch ein wenig vertrautes. Mich erinnert dieser mysteriöse Gegenspieler ein wenig an „ The Stand“ – von Stephen King.  Er hat irgendetwas gruseliges an sich, vielleicht ist es die leuchtend rote Farbe seines Jacketts und der schwarze Hut?

Seine letzte Tat...

Seine letzte Tat…

Mit Sun Green gelingt es den Autoren einen Charakter zu erschaffen, mit denen sich sicherlich viele Leser gut identifizieren können. Sun wirkt sehr menschlich und handelt stets glaubwürdig. Ihre ersten Erfahrungen mit der Liebe und den Tod könnten beinahe jedem so ergehen. Ihre Sehnsüchte und Ängste werden gekonnt dargestellt. So wird zwischendurch sehr deutlich, dass sich Sun nach Liebe sehnt. Als Sun einen Hauch neugewonnener Stärke in sich fühlt erstrahlt die gesamte Seiten in einem freudigem hellem Blütenregen. Da lässt sich diese neugewonnene Stärke beinahe wahrhaftig spüren. Ich bin mit den Zeichnungen von Cliff Chiang mehr als zufrieden. Beinahe durchgehend sind seine Zeichnungen detailverliebt. So gibt es meistens einen ausgearbeiteten Hintergrund oder schön anzusehende Charaktere. Wobei der Hintergrund meist nicht bis in das letzte Detail ausgearbeitet wurde aber dennoch so, dass es für den Leser schön anzuschauen ist.
Die Farbgebung wirkt auf dem Papier ein wenig erdfarbenmässig. Das passt aber optimal zur Geschichte und deren Inhalt in Bezug auf Sun Green’s Naturverbundenheit. Kräftige Farben am Tag und in der Nacht wechseln sich mit etwas zurückhaltenderen Farbtönen in Träumen oder Rückblenden ab. Mit den Zeichnungen und der Farbgebung bin ich absolut zufrieden.
Die Geschichte transportiert Themen wie Krieg, Friede, Naturschutz und Pazifismus. Immer wieder mal zwischendurch kann es dem Leser so vorkommen, dass diese Graphic Novel ein wenig zu pathetisch wirkt. Das ist aber sicherlich Geschmackssache. So zum Beispiel wenn Sun mit dem Mikrofon vor laufender Kamera für eine bessere Welt protestiert. Zum Ende hin schaffen es die Autoren die Geschichte in einen Gesamtzusammenhang zu bringen. Einzig und allein was mit Sun ihrem Freund passiert ist bleibt etwas offen. Das magische was zu Anfang der Geschichte sicherlich leicht fremd wirken mag, wirkt zum Ende hin vertrauter und auch aus deren Sicht nachvollziehbar. Mit „aus deren Sicht“ sind die leicht fremdartigen Wesen aus Sun ihren Träumen, wie alle anderen Charaktere der Familie Green gemeint. Mir hat die gesamte Graphic Novel sehr gut gefallen, ich kann sie ruhigen Gewissen an alle Weiterempfehlen. Wem etwas Pathos nicht abschreckt und mit den genannten Themengebieten sich anfreunden kann, sei diese Graphic Novel wärmstens empfohlen.

Copyright aller verwendeten Bilder © 2012/2013 DC/Vertigo / Panini Comics

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Aufzeichnungen aus Jerusalem (Guy Delisle) [Reprodukt, März 2012]

Ich möchte euch erneut im  Rahmen meiner Beschäftigungen mit dem Land Israel ein grandioses Comic-Werk vorstellen. „Aufzeichnungen aus Jerusalem“ ist eindeutig dem Comic-Genre zuzuordnen, möchte aber weitaus mehr sein, als bloß hübsch erzählt und gezeichnet. Dieser (journalistische) Comic-Bericht gibt dem Leser die Möglichkeit, eine viel präzisere  Sicht auf die Umstände in und um Israel zu bekommen. Mit „Aufzeichnungen aus Jerusalem“ beweist Guy Delisle erneut nach seinen bisherigen großartigen Reportagen („Shenzhen“, „Pjöngjang“ und „Aufzeichnungen aus Birma“), dass im Medium des Comics die drängende Gegenwart  sowie vor allem auch politische Themen, bearbeitet werden können und auch sollten.

Aufzeichnungen aus Jerusalem

Im Auftrag von Ärzte ohne Grenzen reist die frankokanadische Ärztin Nadège mit ihrem Mann und zwei Kindern für ein Jahr nach Jerusalem, wo sie im Gasastreifen in einer Station für Nachsorge, Betreuung, Kinderheilkunde und psychologische Beratung arbeiten wird. Ihr Mann Guy betreut tagsüber die Kinder und kümmert sich um den Haushalt. Jegliche freie Zeit nutzt er aus, um Land und Leute kennen zu lernen.  Guy Delisle beobachtet in gewohnt lakonisch-humorvoller Manier den Alltag in Jerusalem. Ein sehr persönliches Bild eines Landes entsteht, welches wie kein zweites von jahrzehntelangen blutigen Konflikten geprägt ist.

Bist du ein Jude?

Bist du ein Jude?

Selten wurden in einem Comic die politischen Verhältnisse in Israel so genau beschrieben. Dazu gehören nicht nur die Karten und Grafiken des Landes, auch illustrierte lexikalische Einträge, Worterklärungen, Schilderungen von Begegnungen und Begebenheiten bzw. allgemein die bekannten Sachverhalte zu erwähnen. So zum Beispiel, dass Israel die einzige Demokratie in der Region sei, allerdings die demokratischen Grundrechte nur seinen Staatsbürgern vorbehalten werde…

Der Leser erfährt auf eine ganz einfache Art und Weise eine ganze Menge über das Land Israel, die Israelis und die Palästinenser. Sehr schön sind die vielen Einzelheiten, die jeweils in kleinen Episoden eingefangenen Beobachtungen von Guy Delisle. So zum Beispiel die voll verhüllten muslimischen Frauen, die in den Supermärkten der jüdischen Siedler einkaufen gehen, oder die Siedler wiederum lassen ihre Autos in den billigen Werkstätten von Wadi AI – Joz reparieren, einem arabischen Viertel in Ost – Jerusalem. Sehr interessant ist allerdings, dass gerade dort als besondere Dienstleistung der Einbau von Kunststoff Fenstern zum Schutz gegen palästinensische Stein Werfer angeboten wird.

Checkpoints an der Klagemauer

Checkpoints an der Klagemauer

All diese feinen Beobachten lassen sich in keinem Nachrichtenbericht wiederfinden. Es sind persönliche Aufzeichnungen und Beobachtungen des Zeichners. Die vielen Absurditäten des Lebens zwischen Israel und dem Westjordanland sind der rote Faden dieses  334 dicken Comic Tagebuches.  Ironisch, lustig und zwischendurch auch erschreckend erfährt der Leser ohne Pathos aber mit poetischem Humor, wie Guy Delisle ein Jahr lang in Israel verbracht hat. Es geht nicht um eine Analyse von Israel oder gar eine Anklage den Palästinensern oder Israelis gegenüber, ganz im Gegenteil, die Beobachtungen des Zeichners, seine gemachten Erfahrungen stehen im Vordergrund.

Zeichnerisch lässt Guy all diese absurden Momente in ruhigen, reduzierten Schwarzweißzeichnungen aufscheinen. Hin und wieder gehen diese in Blau Töne über wenn es Nacht wird, andere Farben kommen zwar vor, aber selten.  Der Lesefluss dieses Bandes zieht sich meinem Empfinden nach nicht in die Länge, auch wenn dieser Band weitaus über 300 Seiten enthält. Durch die einzelnen Episoden und der einfachen Darstellungsweise lässt es sich sehr angenehm lesen.  Die einzelnen  Panels enthalten an sich niemals zu viel Text. Einige Episoden kommen sogar  fast gänzlich ohne Text aus.

Dieses Buch hat mir persönlich einen sehr guten Einblick in die Verhaltensweisen der Israelis und Palästinenser geben können. Es liest sich durchgehend  interessant, beinhaltet doch fast jede Episode einen interessanten (fragwürdigen) oder auch lustigen  Aspekt. Die politischen Wirren werden dem Leser umso erschreckender begreiflich dargestellt, wenn Bomben fallen, geschossen wird oder Menschen sterben.  Und alles dies geschieht in teilweise unmittelbarer Nähe des Zeichners. Dadurch entsteht beim Leser eine Art beklemmendes Gefühl. Ein erstaunlich differenziertes Bild bekommt der Leser nach dieser Lektüre des Landes Israels, in dem man sich wohl als Ausländer ohne Ansprechpartner oder Reiseführer wohl kaum zurechtfinden würde.

Ein Schwimmbad auch für Frauen..

Ein Schwimmbad auch für Frauen..

Dominik_AVAFAZIT:

Mit den Augen von Guy Delisle sieht man das Nahost – Problem nicht neu, aber um einiges schärfer und differenzierter.
Comic Reportagen sind derzeit ja im Kommen. Wer noch nie eine Comic-Reportage gelesen hat und sich darauf einlassen möchte, macht mit diesem Comic Buch überhaupt nichts falsch. Und all die  Leute unter uns, die bereits Erfahrungen mit Comic Reportagen oder auch Berichten gemacht haben, euch kann ich nur sagen, liest dieses Buch. Es ist wahrlich eines der besten Comic-Reportagen über Israel, absolut lohnenswert!

Diesen Comic könnt ihr bei Amazon oder in jedem gut sortierten Comic Laden ordern.

Copyright aller verwendeten Bilder © 2012 Reprodukt

Keiji Nakazawa – Zum Tode von Gens Vater

Am 19. Dezember 2012 verstarb Keiji Nakazawa an Lungenkrebs in seinem Geburtsort Hiroshima, die seine größte Tragödie und sein größter Erfolg zugleich war. Entgegen anderslautenden Meldungen starb er aber nicht an den direkten Spätfolgen der Strahlung durch die Atombombe. Auch sein Diabetes Mellitus ist keine direkte Folge durch den Bombenabwurf auf Hiroshima. Vielmehr beruht diese auf der Mangelernährung vor und nach der Tragödie, welche nur durch rohe Kartoffeln begünstigt wurde. Daraus resultierten auch seine Netzhautschädigung des linken Auges, in direkter Folge durch die Diabetes, genau wie sein grauer Star auf dem rechten Auge, die ihn beide dazu zwangen, 2009 das Zeichnen aufzugeben. Die einzige Krankheit, welche direkt auf die Strahlung zurückzuführen wäre, ist die Leukämie, unter der Nakazawa seitdem litt.

Nakazawa AltAls viertes von sechs Kindern wurde Nakazawa am 14. März 1939 in Hiroshima als Sohn des Kunstmalers Harumi und seiner Frau Kimiyo geboren. Während zwei seiner Brüder nicht in Hiroshima weilten, als die Bombe fiel, fanden sein jüngerer Bruder Susumu der unter einem Balken eingeklemmt war, und seine ältere Schwester Eiko, die von einem Pfosten erschlagen wurde, zusammen mit dem Vater den Tod im brennenden Haus der Familie. Seine Mutter überlebte den Abwurf und gebar wenig später seine jüngere Schwester Tomoko. Aber auch sie sollte nur 4 Monate später durch die Strahlung und an den Folgen der Mangelernährung den Tod finden.
1961 zog Nakazawa, nachdem er eine Lehre als Schildermaler abgeschlossen hatte, nach Tokio und veröffentlichte dort mehrere Mangas, welche sich hauptsächlich um Sport, Science Fiction oder Samurais drehten. Nur 5 Jahre später verstarb auch Nakazawas Mutter im A-Bomben Hospital in Hiroshima. Bei der Aushändigung der sterblichen Überreste seiner Mutter, welche vorher verbrannt wurden, überkam Nakazawa unbändige Wut. Das radioaktive Cäsium hatte die Knochen seiner Mutter so stark zersetzt, das ihm nichts übrig blieb, außer einem Häufchen Asche. Normalerweise bleiben nach dem Verbrennungsprozess noch immer kleinere Knochenfragmente übrig, doch in diesem Fall leider nicht. Ab diesem Tag begann er, sich mit dem Thema Hiroshima und dem Bombenabwurf auseinanderzusetzen.

Nakazawa Neu

Es entstand eine sechsteilige Mangareihe, welche er selbst die „Schwarze Serie“ nannte. Zu diesen gehörte unter anderem „Kuroi ame ni utarete“ („Vom schwarzen Regen gepeitscht“). Nach einem Verlagswechsel begann Nakazawa erneut sich die Erlebnisse von der Seele zu schreiben. Es entstanden „Aru hi totsuzen“ („Plötzlich eines Tages“), „Nanika ga okiru“ („Es geschieht etwas“) und „Heiwa no kane“ („Friedensläuten“). Doch erst mit „Ore ha mita“ („Ich habe es gesehen“), einer autobiografischen Erzählung auf 45 Seiten erhielt Nakazawa die Chance, dieses Thema ausführlich darzulegen.

Nakazawa I Saw It

Und so entstand „Hadashi no Gen“ („Der barfüßige Gen“). Nakazawa entschied sich für den Namen Gen, weil dieser im japanischen mehrere Bedeutungen hat, welche aber alle perfekt zu seiner Erzählung und seinem Helden passten. Zum Einen steht das Schriftzeichen von Gen für „Ursprung“ oder „Wurzel“ aber auch für „Element“ und „Quelle“. Die eigentliche Intention war aber die Hoffnung, dass sein Gen einmal für das „gen“ in Ningen (Mensch) stehen würde. So erschien „Hadashi no Gen“ über einen Zeitraum von 12 Jahren von 1973 bis 1985, und wurde bisher in 10 Japanischen und englischen Bänden mit zusammen über 2500 Seiten, sowie als stark gekürzte Version in 4 Bänden, in Deutschland veröffentlicht. Der erste Versuch „Barfuss durch Hiroshima“ in Deutschland zu veröffentlichen, wurde 1982 vom Rowohlt Verlag unternommen, und stellte somit den ersten Manga in deutscher Sprache dar. Doch leider war damals das Interesse an diesem Augenzeugenbericht noch zu gering und es blieb bei nur einer Ausgabe. Doch wer jetzt Angst hat oder sich Sorgen macht, dass ihm bei der deutschen Ausgabe etwas entgeht, denn kann ich beruhigen. Carlsen hat sich bewusst auf die wesentlichen Elemente aus „Hadashi no Gen“ berufen, und nur die unwesentlichen Sachen herausgelassen. Denn Nakazawa führte den Manga weiter bis in die 50er Jahre, und wurde nicht müde, die Atomkraft, die unnötigen Kriege weltweit, und die Drogenproblematik anzuprangern. Unter dieser „Propaganda“ litt auch zusehendst sein Werk, und Carlsen tat gut daran, sich nur auf den Kern der Erzählung zu beschränken.

Nakazawa Kuppel

Zeit seines Lebens kämpfte Nakazawa gegen die Atomkraft, gegen die Kriege und auch immer wieder gegen die Lügen, welche weltweit jede Regierung ihren Bürgern auftischte. 1996 besuchte er außerdem die ebenfalls atomgeplagte Stadt Tschernobyl und ging sogar bis zum Block 4 vor, um dort die Radioaktivität mittels eines Geigezählers zu messen. Als Carlsen von 2004 bis 2005 die Vier Bände von „Barfuss durch Hiroshima“ veröffentlichte, reiste auch Nakazawa nach Deutschland. Dort stellte er bei einer Ausstellung zum Jahrestag des Abwurfes in Hannover einige seiner Werke aus.

Nachfolgend möchte ich euch mit seinem größten Werk, den vier Bänden von Carlsen, sowie den beiden Anime vertraut machen:

Barfuss durch Hiroshima Nr. 1: Kinder des Krieges [Carlsen, November 2004]
Barfuss durch Hiroshima Nr. 2: Der Tag danach [Carlsen, Februar 2005]
Barfuss durch Hiroshima Nr. 3: Kampf ums Überleben [Carlsen, Mai 2005]
Barfuss durch Hiroshima Nr. 4: Hoffnung [Carlsen, August 2005]
Barfuss durch Hiroshima (2-DVD Deluxe Edition) [Anime Virtual, April 2006]

KeijiNakazawaNakazawas „Barfuss durch Hiroshima“ ist ein Meisterwerk, welches auf einer Stufe mit Art Spiegelmans „Maus“ steht, und sich seinen Platz dort auch redlich verdient hat. Mit eindringlichen Bildern und ebenso gefühlvollen Worten vermittelt er jene Angst, welche ihn persönlich in seiner Kindheit begleitet hat. Noch viel mehr als in „Maus“, stehen hier die Emotionen im Vordergrund und dennoch entsteht durch die von ihm gewählte Erzählweise ein Stück weit Distanz. In meinen Augen gehört „Barfuss durch Hiroshima“ mit zu jenen Werken, welche unbedingt auch in Schulen genutzt werden sollten, um Geschichte interessanter und anschaulicher zu gestalten. Denn Schulbücher an sich mögen zwar informativ sein, aber es fehlen die Emotionen und die Spannung durch Einzelschicksale. Und nur wenn diese vermittelt werden, dann besteht die Chance, das Gelernte zu verarbeiten und aus diesen Fehlern zu lernen. Selbst wenn es irgendwann dazu kommt, Nakazawa wird es nicht mehr erleben dürfen. Sein Tod mit nur 73 Jahren ist tragisch.

Ich hoffe, dass ich mit diesem Special, welches zu großen Teilen meine eigene Meinung widerspiegelt, es geschafft habe, weitere Leser für dieses Meisterwerk zu begeistern. Des Weiteren wünsche ich mir natürlich auch, dass sich solch eine Gräueltat nicht wiederholen wird, und das Nakazawa mit seiner Erzählung das Bewusstsein gegen die Entwicklung und den Einsatz von Atomwaffen bestärkt. Es wäre wirklich ein ganz großer Schritt nach vorne, wenn die Menschheit erkennen würde, dass Kriege niemals eine Lösung für einen Konflikt darstellen, sondern immer, und wirklich immer, nur Opfer fordert. Es kann nie einen Sieger geben, solange Menschenleben dafür geopfert werden müssen.

Nakazawa Banner

Keiji Nakazawa hat nun seinen Frieden hoffentlich gefunden und ist wieder vereint mit seiner Familie. Möge er in Frieden ruhen, und mögen seine Erlebnisse und Erzählungen nicht ungehört verhallen, sondern die Menschen berühren und zum Umdenken bewegen.

Barfuss durch Hiroshima Nr. 1: Kinder des Krieges [Carlsen, November 2004]

Barfuss durch Hiroshima Nr. 1: Kinder des Krieges

Gen Nakaoka ist ein ganz normaler Junge. Seine Eltern lieben ihn, auch wenn sein Vater eine seltsame Art und Weise hat, dies zu zeigen. Und dann sind da noch seine drei Brüder und eine Schwester. Das Leben könnte so schön sein, wenn da nicht die Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges wären. Und da insbesondere die Auseinandersetzungen Japans mit Amerika und England.
Denn wie auch ganz Japan, leidet Gens Familie unter der ständigen Angst der Bombenangriffe und der fehlenden Lebensmittel. Der Kaiser hat seine Untertanen darauf eingeschworen, dass nur ein echter Japaner, welcher zu seinem Land steht, auch die Entbehrungen ehrenhaft durchstehen würde, damit Japan siegreich aus diesem Krieg hervorgehen würde. Doch Gens Vater kennt die Wahrheit und scheut sich auch nicht, diese offen auszusprechen. Das führt aber wiederum nur dazu, dass die Familie Nakaoka ab sofort als Verräter gebrandmarkt sind, und sich die Situation noch weiter verschlechtert.
Dennoch beißen sich die Nakaokas tapfer durch ihr Leben, und es scheint gerade ein wenig aufwärtszugehen, als die bekannte B-52 Maschine mit dem Namen Enola Gay und ihrer noch bekannteren Fracht Little Boy am Himmel von Gens Heimatstadt Hiroshima auftaucht …

Das allererste, was einem bei diesem Band auffällt, ist die Art und Weise wie die Japaner untereinander, auch innerhalb der Familien, miteinander umgehen. Denn nicht nur, dass unbedingter Gehorsam gegenüber dem Kaiser und dem japanischen Reich ein Muss ist, sondern auch die Art und Weise, wie Gens Vater seine Liebe zeigt, ist alles andere als verständlich für uns Europäer. Gut, man kann jetzt sagen, dass dies eine Ausnahme innerhalb Gens Familie darstellen kann, aber im Verlauf der Geschichte erkennt man immer wieder, das Japan ganz andere Regeln und Moralvorstellungen hat, die Nakazawa auch offen darstellt. Erst als gegen Ende im Nachwort klargemacht wird, dass es sich bei Gen um den jungen Keiji handelt, wird der Blick auf das eben gelesene nochmals verändert. Denn in der Einleitung spricht Nakazawa noch sehr distanziert von seiner Hauptfigur, deren Name er bewusst aus den verschiedensten Gründen gewählt hat. Dann folgt die Geschichte, einer Berichterstattung aus einem Krisengebiet gleich, nur um dann am Ende mit eben jenem Nachwort zu einem persönlichen Familiendrama, fast schon erweitert zu werden.

Der tragische Moment.

Der tragische Moment.

Visuell ragt der Band, auch nicht an Mangas seiner Entstehungszeit, sonderlich positiv heraus. Es ist eher wie bei „Maus“, zweckdienlich und dennoch auf eine einfache und trotzdem außergewöhnliche Art faszinierend. Das heißt aber nicht, dass die Bilder hässlich oder gar schlecht sind, sondern eher im Gegenteil. Sie zeigen teilweise sogar mit erschreckenden Details das Grauen, welches zum Ende des Zweiten Weltkrieges herrschte. Ähnlich wie auch bei Art Spiegelmans Epos „Maus“ wird hier ganz bewusst mit starken und dominanten Strichen, aggressiven Schraffuren und teilweise grellen und großen weißen Flächen gespielt, wobei dies kein wirkliches Spiel mehr ist. Die Landschaften sind erschrecken realistisch, wohingegen die Menschen oftmals wie Karikaturen wirken. Das ist aber auch von Nakazawa gewollt, denn trotz allen Ernstes, scheint es so leichter zu sein, das Geschehene zu verarbeiten, wie es auch Spiegelman mit seinen Mäusen und Katzen getan hat. Gen ist genau wie sein Vater und sein Bruder immer ein wenig überspitzt dargestellt. Einzig seine Mutter wirkt noch ein wenig reeller, als der Rest der Familie: zumindest bis zu dem Zeitpunkt, als Little Boy einschlägt. Denn ab dann überschlagen sich nicht nur die Ereignisse, sondern auch förmlich die Bilder. Sie wirken chaotisch und verzweifelt. Hilflos und von Angst durchzogen. Hier hat Nakazawa seine ganzen Erlebnisse einfließen lassen. Dies spürt man, auch ohne zu diesem Zeitpunkt zu wissen, wie nah Nakazawa der Tragödie wirklich war.

FAZIT:

„Barfuss durch Hiroshima“ ist nicht umsonst ein weltweit anerkanntes Meisterwerk. Keiji Nakazawa erzählt eindrucksvoll aus seiner eigenen Vergangenheit, schafft es aber dennoch so viel Distanz, zwischen sich und seiner Hauptfigur Gen, aufzubauen, dass es nicht wie ein persönliches Drama, sondern eher wie ein journalistischer Augenzeugenbericht wirkt. Dennoch sind die Emotionen in Nakazawas Erzählung immer präsent, genau wie die blutrote Sonne, das Zeichen auf Japans Flagge, die ständig und unbarmherzig über den Menschen prangt.
Das Nakazawa hier etwas geschaffen hat, das ungehindert in allen Bevölkerungsschichten und Regionen auf der ganzen Welt, verbreitet werden muss, hat auch Art Spiegelman erkannt, der ein Vorwort zu diesem Band verfasst hat. Denn wie Nakazawa, hat auch Spiegelman seine Erfahrungen mit dem Zweiten Weltkrieg machen müssen, auch wenn dies in seinem Fall „nur“ indirekt war.

Barfuss durch Hiroshima Nr. 2: Der Tag danach [Carlsen, Februar 2005]

Barfuss durch Hiroshima Nr. 2: Der Tag danach

Hiroshima liegt in Schutt und Asche. Überall streifen schwer verwundete umher. Verwirrt, verletzt und auf der Suche nach Wasser und Hilfe. Gen kann das Ausmaß der Tragödie noch gar nicht begreifen, als seine Mutter Kimie ihn bittet, sich auf die Suche nach ein wenig Reis zu machen. Denn wenn er keinen Reis auftreiben kann, dann würde seine gerade erst geborene Schwester sterben müssen. Also nimmt Gen all seinen Mut zusammen und macht sich auf die Suche nach etwas Nahrung.
Unterwegs trifft er dabei auf einen Soldaten, der erst ihn retten will, aber binnen kürzester Zeit selber Hilfe benötigt. Auch ein Mädchen, welches Gens Schwester Eiko verblüffend ähnlich sieht, kreuzt seinen Weg, und abermals hilft Gen bereitwillig. Doch auch diesmal ist dem Mädchen nicht ganz so einfach zu helfen, wie es anfangs scheint. Aber Gen hat noch immer keinen Reis und so geht seine Reise weiter. Immer mehr Opfer dieses feigen Anschlages begegnen ihm dabei und noch viel mehr Tragödien …

In der Einleitung und auch im abschließenden ersten Teil des Interviews macht Keiji Nakazawa deutlich, dass „Hadashi no Gen“, so der originale Titel, nicht einfach nur eine Bewältigung mit der eigenen Vergangenheit ist, sondern auch ein Mahnmal und eine Warnung. Nie wieder soll eine solche Massenvernichtung stattfinden und nie wieder, sollen unschuldige Menschen unter der Gier und dem falschen Stolz einer machtbesessenen Regierung leiden müssen. Das war und ist der Hauptgrund für sein Werk gewesen. Er hat immer wieder, ganz bewusst, Stellen eingebaut, in denen Gen gegen die Tat der Amerikaner und das Verhalten der japanischen Regierung schimpft und diese an den Pranger stellt. Und trotzdem schwingt in dieser Ausgabe sehr viel Hoffnung und auch Freude mit, da Gen niemals aufgibt und selbst in den schlimmsten Situationen noch die Kraft aufbringt, anderen zu helfen.

Hiroshima nach dem Abwurf von Little Boy.

Hiroshima nach dem Abwurf von Little Boy.

Was das Grauen angeht, legt Nakazawa in diesem zweiten Band noch eine ganze Schippe drauf. Denn die Bilder haben sich dem Künstler in sein Gehirn gebrannt und dieser brennt sie erneut in das Papier. Es ist überwältigend, wie schlimm die Ereignisse und die nahe Begegnung mit dem nunmehr alltäglichen Tod von Keiji Nakazawa geschildert werden. Und alles, ohne zu sehr auf die Tränendrüse zu drücken. Denn Nakazawa hat trotz allem und auch der Tatsache, dass dies seine eigene Vergangenheit ist, eine fast schon erschreckend distanzierte Erzählweise. Aber, und das muss man anerkennen, ist auch dies beste Wahl gewesen, um diese Erlebnisse umzusetzen. Denn durch diese Entscheidung fällt das Augenmerk nicht alleine auf Gen, auch wenn dieser die Hauptfigur ist, sondern wird immer wieder, auch visuell, von ihm reflektiert und in die Umgebung gelenkt. Oftmals ist Gen nur mit einem Arm, Bein oder dem Hinterkopf im Bild zu sehen, und der Blick wird nur von ihm getragen, aber nicht auf ihn gelenkt.

FAZIT:

Auch „Der Tag danach“, der zweite Band von Keiji Nakazawas monumentalen Epos um das tragischste Ereignis Japans im 20. Jahrhundert, begeistert wieder auf voller Linie. Und das, obwohl sich dieser Band eher ruhig gibt. Er ist nachdenklich und verstörend, und vermittelt dennoch so viel Lebenskraft und Energie, dass es einen im Innersten trifft. Der Autor und Überlebende von Hiroshima schafft es fast, eine Art Tagebuch zu schreiben, und dies spannend und mitreißend zu präsentieren, ohne das Wesentliche aus dem Blickfeld zu verlieren. Die Tragödie und die Vorwürfe gegen zwei Regierungen, die den Krieg und die Auseinandersetzung ganz bewusst und zielgerichtet auf dem Rücken von Unschuldigen ausgetragen haben.

Barfuss durch Hiroshima Nr. 3: Kampf ums Überleben [Carlsen, Mai 2005]

Barfuss durch Hiroshima Nr. 3: Kampf ums Überleben

Was bleibt einem übrig, wenn die halbe Familie tot und das Haus in dem man bis dahin aufgewachsen ist, nur noch ein Haufen Schutt und Asche? So denkt auch Gen und deshalb zieht er mit seiner Mutter nach Ebo zu Freunden. So sollte es zumindest sein. Denn die Freundin seiner Mutter heißt die stark dezimierte Familie zwar willkommen, aber deren Familienangehörige, die sich aus zwei Kindern und der Schwiegermutter zusammensetzt, hat ganz andere Pläne mit den „Schmarotzern“. So kommt es auch, dass sich die Drei binnen kürzester Zeit auf der Straße wiederfinden.
Aber Gen lässt sich nicht unterkriegen. Und obendrein hat er noch genug Energie um anderen zu helfen. Auch zum Leidwesen seiner Mutter. Denn als Gen mit einem Jungen auftaucht, der seinem verstorbenen Bruder Seiji zum Verwechseln ähnlich sieht, und der ebenfalls keine weitere Familie hat, muss sie sich entscheiden. In ihrem sicheren Zuhause zu bleiben und den Jungen zu verstoßen, oder ihn aufnehmen und dafür ihr Heim zu riskieren …

Erneut stellt Keiji Nakazawa nicht das alleinige Schicksal von Gen in den Mittelpunkt, sondern vielmehr das seines Umfeldes. Gen ist zwar auch hier wieder ständig präsent und motiviert mit seinem fast schon naiven Gemüt auch noch die letzten Energiereserven, aber dennoch wirkt er nie dominant. Vielmehr ist Gen der gute Geist, der irgendwo in uns allen innewohnt, und manchmal auch heraus darf. Doch was steckt dahinter? Nakazawa ist nicht der Typ Mensch, der subtile Botschaften in seinen Werken versteckt. Vielmehr sagt er klar und deutlich, was ihn stört. Und diese deutliche Sprache, sowohl in Wort als auch in Bild, nutzt er bei „Barfuss durch Hiroshima“. Am deutlichsten zeigt sich dies, als Gen erneut das Wohl eines anderen Menschen über das eigene stellt. Zwar wird diese Situation aus einer Notlage heraus geboren, aber zum wiederholten Male kann der Held nicht anders, als vorrangig anderen und nicht sich selbst zu helfen. Hier wirkt es teilweise so, als würde Nakazawa etwas darstellen wollen, was er vielleicht in seiner eigenen Vergangenheit verpasst hat?!

Die Toten stapeln sich.

Die Toten stapeln sich.

In diesem Band wandelt sich die Darstellung weg vom visuellen Grauen, durch die Bilder eines zerstörten Hiroshima, und den vielen verstrahlten und entstellten Leichen, hin zu einem unterschwelligen, aber dennoch ständig fühlbar präsenten Grauen. Die Angst vor den Auswirkungen der Bombe, die Strahlung, die Vergiftung, das nicht offensichtliche Leiden, sind immerzu spürbar und verbreiten stellenweise mehr Angst, als jede verkohlte Leiche, mit herabhängender Haut, die in den vorangegangenen Bänden zu sehen war. Dies erreicht Keiji Nakazwa vor allem durch die Mimik seiner Protagonisten. Auch wenn viele Gesichter manchmal stark überzeichnet wirken und fast schon slapstickartige Züge annehmen, steht ihnen dennoch die Emotion „ins Gesicht geschrieben“. Das schaffen nicht viele Zeichner. Mit wenigen Strichen so viele Gefühle umzusetzen. Fast wirkt es so, als wären Nakazawas Gefühle durch seine Hände, durch den Stift auf das Papier übertragen worden und hätten dort ganz intuitiv das geformt, was der Künstler gefühlt hat.

FAZIT:

Das wohl Aufregendste an „Barfuss durch Hiroshima“ sind nicht etwa die Erlebnisse und das Wissen um die Folgen und persönlichen Tragödien, sondern das Erlebnis, welches einem beim Lesen überkommt. Immer wieder spürt man als Leser, wie sich einem die Innereien umdrehen. Es ist wie ein brutaler Schlag genau in die Magengrube. Und dennoch kann man die Bände nicht mehr weglegen. So schwer, wie es auch sein mag, es trifft einen so sehr, auch wenn man nicht direkt betroffen ist, dass man das Gefühl erhält, den armen Gen und seine Familie im Stich zu lassen, wenn man die Geschichte zur Seite legt, oder lapidar und halbherzig versucht abzutun. Aufgrund seiner Erzählweise und der grafischen Umsetzung lässt es Nakazawa einfach nicht zu. Vielmehr überträgt er eine Verantwortung auf den Leser. Die Verantwortung aus diesen Ereignissen zu lernen, die Fehler eigenständig zu erkennen und sie keinesfalls zu wiederholen.

Barfuss durch Hiroshima Nr. 4: Hoffnung [Carlsen, August 2005]

Barfuss durch Hiroshima Nr. 4: Hoffnung

Seit dem Bombenabwurf über Hiroshima ist einige Zeit vergangen. Inzwischen sind die Amerikaner in Japan gelandet und machen sich als Besatzungsmacht breit. Dies bekommen auch Gen und seine Familie mehr als deutlich zu spüren. Schnell etablieren sich gewisse Regeln, die wie immer von den Stärkeren gemacht werden. Aber auch Gen ist nicht ohne. Immerhin hat er schon bewiesen, zu was ein Kind in seinem Alter fähig sein kann. Während sich, dank der Amerikaner und ihrer mitgebrachten Waren, ein blühender Schwarzmarkt entwickelt, kämpfen die Nakaokas noch immer um jedes Gramm Nahrung.
Besonders schlimm hat es dabei Gens kleine Schwester Tomoko erwischt. Nicht nur, dass ihre Unterernährung ihren noch jungen Körper massiv schwächt, so wird sie auch von verschiedenen Menschen als Kindsersatz benutzt, und damit auch zum Spielball starker Emotionen von Verlust, Trauer, und Besitzansprüchen. Das kleine Mädchen schafft es, selbst denen wieder Mut zu geben, welche sich schon lange aufgegeben, und ihren Körper dem Verfall durch die Strahlung kampflos überlassen haben.
Und so versuchen nicht nur Gen und seine Familie alles Mögliche, um zu überleben, sondern auch Freunde, neue Klassenkameraden sowie deren Angehörige und Verwandte, und finden so manche Möglichkeit, sich durch das harte Leben zu schlagen. Mal mehr, mal weniger erfolgreich, und manchmal auch unter dem Einsatz von Menschenleben, sofern es nicht das Eigene ist …

Die Hoffnung, welche noch im letzten Band so sehr im Vordergrund stand, wird dieses Mal immer wieder mit Füßen getreten. Dabei kommen einem, als Leser, immer wieder die Worte von Gens Vater aus dem ersten Band in den Kopf. „Gen. Du musst wie der Weizen sein. Treibe starke Wurzeln in die Wintererde … Trotze Wind und Schnee, so sehr man dich auch niedertritt, und wachse dick und gerade, wie der Weizen auf dem Feld!“ Und Gen trotzt allem, was ihm entgegenschlägt. Keine Tragödie, kein Schicksalsschlag kann ihn davon abbringen, doch noch irgendwo etwas Gutes in seinem Leben zu finden. Denkt man. Denn plötzlich passiert etwas, was den sonst so fröhlichen Jungen vollkommen aus der Bahn wirft. Nakazawa präsentiert dies, wie bereits in den vorangegangenen Ausgaben, mit einer Intensität die einfach nur unfassbar ist. Man spürt förmlich die Emotionen und wird trotz der Distanz an Zeit und Raum regelrecht mitgerissen und dabei von den Ereignissen gefangen genommen.

Auch Milch kann die kleine Tomoko nicht retten.

Auch Milch kann die kleine Tomoko nicht retten.

Diesem Band ist schon deutlich anzumerken, dass „Hadashi no Gen“ über einen Zeitraum von insgesamt 12 Jahren entstanden ist. Denn obwohl Nakazawa bereits zuvor eine nicht zu unterschätzende Anzahl an Mangas, u.a. auch zum Thema Krieg und Hiroshima, veröffentlicht hat, steigert sich sein Stil sichtbar. Während die ersten Bände noch vorwiegend mit dominanten Strichen durchzogen waren, sind es nunmehr die filigranen Details, welche die Oberhand gewinnen. Außerdem ist die Bildsprache bis auf wenige Ausnahmen fast ausschließlich mit einer positiven Energie behaftet, so das selbst die Bilder von verbrannten Leichen nicht schrecklich und traurig, sondern eher hoffnungsvoll, mit einem energischen Blick in die Zukunft, wirken. Und noch etwas führt Energie mit sich, das sich durch alle Bände zieht: Denn es gibt ein Objekt, welches von Band eins bis zum vorliegenden Band über allem thront: Die Sonne. Von Beginn an ist sie ein ständiger Begleiter Gens und seiner Tragödie und steht hierbei nicht nur für den Lebensspender, sondern auch für die stilisierte Sonne auf der japanischen Flagge.

FAZIT:

Mit diesem letzten Band legt Carlsen den Kern von Keiji Nakazawas Werk auf Deutsch vor. Auf insgesamt 1128 Seiten schildert Nakazawa seinen Kampf gegen den Krieg, das Überleben und die Tragödie, die ihn für sein Leben prägte. Im Original ist „Hadashi no Gen“ über 2500 Seiten stark. Dennoch reicht bereits diese Version, um das Leiden zu verdeutlichen. Das vollständige Werk liegt bisher nur original in Japanisch, sowie in Englisch vor, und umfasst mehr als 10 Bände. Dennoch hat man als Leser niemals das Gefühl, dass etwas fehlt, wenngleich gewisse Sprünge in der Handlung schon erkennbar sind.
Insgesamt muss ich sagen, dass „Barfuss durch Hiroshima“ in meinen Augen ein Werk ist, welches man gelesen haben sollte. Mehr noch sollte es, ebenso wie „Maus“, zu einem Standardwerk in der Schulbildung werden, denn kaum ein anderes Werk zeigt die Auswirkungen und Ängste der Atombombe so deutlich und eindrucksvoll, wie dieses.