Solanin #1 und #2 [Tokyopop, April/Juli 2013]

Heute möchte ich euch eine interessante Entdeckung meinerseits vorstellen:
Solanin wurde mir von Freunden empfohlen, die eigentlich keine Manga oder Comics lesen.
Allein aus diesem Grund war ich neugierig. Es kommt wie es kommen muss, ich habe mir beide Bände zugelegt und möchte nun darüber berichten.

Solanin Band 1 und Band 2

Solanin Band 1 und Band 2

Klappentext:

Meiko und Taneda sind ein junges Pärchen, das in seinen eintönigen Bürojobs versauert und eines Tages beschließt, alles anders zu machen. Kein Job? Neuer Job? Besserer Job? Keine Beziehung? Neue Beziehung? Bessere Beziehung? Meiko und Taneda müssen sich quälenden Fragen stellen, deren Antworten sie in eine ungewisse Zukunft führen.
Eine Geschichte über folgenschwere Entscheidungen und die Gewissheit, dass das Leben keinen Reset – Knopf hat.

Wenn man erst einmal im Beruf steht und sich die gewohnte Routine eingeschlichen hat, könnte man sich fragen: Was wäre wenn ich alles anders gemacht hätte? Würde ich dann ein anderer Mensch sein? Würde mein Leben völlig anders sein? Ist man im Leben glücklich mit einem Job? Möchte ich jetzt bis an mein Lebensende arbeiten? In diesem Manga geht es um die ernüchternde Realität. Fragen, die junge Leute im Arbeitsleben bewegen, was wäre wenn?
Dementsprechend dürfte ich persönlich, ebenso wie meine Freunde, die mir diese Manga Bände empfohlen haben, die Zielgruppe darstellen.

Taneda und Meiko leben in einer gemeinsamen Wohnung. Seit ein paar Jahren sind sie bereits ein Paar. Schule und Ausbildung sind soweit abgeschlossen, das Leben läuft. Taneda und Meiko funktionieren im japanischen System. Mitten In Tokio schlagen die beiden sich durch das Leben. Ihre Beziehung läuft auch wie gewohnt dahin. Alles geht den gewohnten Trott, bis Meiko aus heiterem Himmel ihren Job kündigt. Taneda hat ein paar Minijobs und spielt in einer Band. Meiko versucht derweil von ihrem gesparten Einkommen das Leben zu genießen. Was ist das Ziel des Lebens? Was kann man mit so viel Freizeit eigentlich alles anfangen? Und ganz nebenbei scheint ihre Beziehung auseinander zugehen…

Ein Feuerwerk

Ein Feuerwerk

Die Story ist wirklich gut beschrieben. Sie ist in sich schlüssig, so wie es das Leben schreibt.
Ähnlich wie das Leben von Meiko und Taneda dümpelt der Manga vor sich hin. Der Leser spürt förmlich durchgehend dieses eintönige, beinahe langweilige Leben von Meiko und Taneda. Es passiert zwar einiges, was auch durchaus spannend ist, aber dennoch hatte ich das Gefühl, wie im richtigen Leben auch, dass eine gewisse Routine aufkommt. Erst zum Schluss des ersten Bandes kommt ein absolut genialer Cliffhanger, der es wirklich in sich hat! Ganz im Ernst, danach muss man sofort den zweiten Band lesen, und ohne zu viel zu verraten, zu Beginn des zweiten Bandes wird der Leser in Sicherheit gewogen. Erst nach und nach wird dem Leser dann die bittere Realität klar und deutlich! Das ist richtig gut gemacht. Und wenn man dann diese bittere Realität akzeptiert hat geht es darum mit den Charakteren, allem voran Meiko, ein neues Leben zu beginnen. Musik ist ein zentrales Hobby von Taneda und auch Meiko. Wer schon mal in einer Band gespielt hat, kann sich sicherlich vorstellen, wie wichtig einem Musik sein kann. Das Thema rund um die Band wird durchgehend aufgegriffen und spielt eine zentrale Rolle bis zum Schluss von Solanin.

Die Story hat mir richtig gut gefallen, ja sie regt zum nachdenken über das eigene Leben an. Dennoch, das letzte I – Tüpfelchen für einen absoluten Hit fehlt mir irgendwie. Keine Frage, die beiden Bände sind Geschmackssache, ich bin sehr zufrieden damit, aber am Ende auch leicht durcheinander. Es ist keine Story, die danach einfach so aus dem Kopf verschwindet. Für mich hat einfach dieses absolute „Wow“ Gefühl gefehlt.

Realitätsnahe Zeichnungen

Realitätsnahe Zeichnungen

Was kann ich zu den Zeichnungen sagen?
Inio Asano seine Zeichnungen sind für einen Manga auf einem sehr hohem Niveau. Weitestgehend realistisch dargestellt sind seine Charaktere. Zwischendurch gibt es immer wieder mal ein paar Slapstick Einlagen die die jeweilige Situation gut darstellen. Zeichnerisch sind diese dann durchaus etwas albern dargestellt, was aber eher ernüchternd und durchaus lustig wirken mag auf den jeweiligen Leser. So kann es vorkommen, dass die Bandmitglieder Strohhalme in der Nase haben, oder ein Vogel jemanden auf den Kopf macht…

Ich hatte das Gefühl, dass einige Zeichnungen Bilder sind, die bearbeitet wurden. Damit meine ich Fotos, die mit einem Computerprogramm dementsprechend angepasst wurden. Das lässt das Wasser des Flusses so dermaßen realistisch wirken, auch einige Häuser wirken dementsprechend realistisch. Dieser Kniff wirkt anfangs etwas gewöhnungsbedürftig, ist aber nicht weiter tragisch. Im späteren Verlauf fällt es beinahe gar nicht mehr auf, der Leser hat sich daran gewöhnt.
Die Proportionen der Charaktere sind der japanischen Realität entsprechend. Hier gibt es keine Frauen mit „riesigen“ Brüsten.

Beide Bänden haben zusammen 28 Kapitel, doch wurde diesen keine Überschrift gegeben. Es hat den Anschein, dass diese einfach den jeweiligen Abschnitten der Handlung dienen.

Dominik_AVAFAZIT:

Ich kann diese Manga eigentlich uneingeschränkt empfehlen. Wie gesagt, für mich fehlte das letzte i-Tüpfelchen für einen absolut perfekten Manga. Es ist und bleibt ja auch Geschmackssache, aber die definierte Zielgruppe sollte allenfalls ein Auge riskieren. Wer sich natürlich überhaupt nicht mit Geschichten über die Realität und den Alltag identifizieren kann, der wird es mit diesen Bänden schwer haben.

Ich werde weitere Werke von Inio Asano im Blick behalten. Neugierig bin ich jedenfalls.

Copyright aller verwendeten Bilder © 2013 Tokyopop

Diese beiden Manga Bände können in jeder gut sortierten Buchhandlung oder auch bei Amazon bestellt werden.

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Die Übertragung [avant–verlag, April 2013]

Heute möchte ich über eine sensationelle Entdeckung meinerseits berichten, nämlich über den hervorragenden Comic von Manuele Fior: „Die Übertragung“.

Aufmerksam geworden auf Manuele Fior bin ich durch den meiner Meinung nach sehr gelungenen Comic: Fünftausend Meter in der Sekunde“. Dieser hat mir so gut gefallen, dass ich bereits mit einer enormen Vorfreude auf sein neuestes Werk gewartet habe. Haben mich in “Fünftausend Meter in der Sekunde” die schönen Zeichnungen und allem voran die Farbgebung maßgeblich umgehauen in Kombination mit einer hervorragenden Story, so sieht es auf den ersten Blick bei „Die Übertragung“ ganz anders aus.

Die Übertragung

Zeichnerisch ist der gesamte Band in schwarz – weiß gehalten. Bereits das Cover enthält dementsprechend keine Farbgebung. Zeichnerisch hat mir dieser Band auch ohne Farbe äußerst gut gefallen. Ein wenig gewöhnungsbedürftig sind allerdings die Gesichter und deren Formen. Diese wirken durchaus etwas unpassend zum gesamten Körper der Figuren, was aber in Bezug auf die Story und deren Verlauf nicht weiter tragisch ist. Die Gesichter wirken teils etwas rund, teils etwas lang gezogen, wahrscheinlich verstärkt die enorme Ausdrucksweise der gezeichneten Augen diesen Eindruck. Die Zeichnungen sind nicht zu sehr detailverliebt im Hintergrund sowie an den Charakteren selber. Alles ist schön zu erkennen und für den Leser wahrzunehmen. Dennoch, etwas mehr Detailverliebtheit würde meiner Meinung nach nicht schaden. Richtig gut zur Geschichte passend gelingt es Manuele Fior die Zeichnungen so zu gestalten, dass durch diese die Spannung stellenweise bis ins Unermessliche steigt. So gibt es in einer Szene auf knapp 2 Seiten nahezu nur Dunkelheit zu sehen. Die Zeichnungen skizzieren ein Wechselspiel zwischen Licht und Schatten, zwischen Tag und Nacht. Immer wieder aufgelockert durch beeindruckende panoramaartige Ansichten, die den Leser in den Seiten schwelgen lassen. Eine lockere und durchaus erschwingliche Atmosphäre wird am Tag unter anderem durch gekonnt in Szene gesetzte Aquarelltupfer erzeugt. Dies geschieht vornehmlich in wichtigen Gesprächen der einzelnen Charaktere.

Die Aufmachung dieses Bandes kann sich ohne Kompromisse sehen lassen. Im Hardcover-Format (Maße: 22,8 x 30,7 cm ) auf 176 Seiten macht der Berliner Avant – Verlag absolut nichts falsch.

Ohne ein Vorwort geht es direkt mit der Geschichte auch schon los:

KLAPPENTEXT

In einer nahen Zukunft ist die gesellschaftliche Entwicklung erstarrt. Während sich die reiche Oberschicht in Enklaven auf dem Land absondert, übernehmen die jungen Menschen die aufgegebenen Stadtzentren und suchen dort nach einem anderen Leben. Raniero, ein Psychologe in den 50ern, kriegt mit der enigmatischen Dora, einem Mitglied der Bewegung „Die Neue Konvention“, eine neue Patientin, die ihn aus seinem schematischen Alltag reißt. Dora behauptet, telepathische Fähigkeiten zu haben und seltsame Formen am Himmel zu sehen – Zeichen einer außerirdischen Zivilisation. Visionen, die auch Raniero teilt …

Das Szenario mag vielleicht den ein oder anderen vom Klappentext her etwas irritieren, jedoch sollte man sich davon nicht täuschen lassen. Die Story weiß von der ersten bis zur letzten Seite zu fesseln.
Der anfängliche Autounfall und der erste Kontakt mit den schier unerklärlichen Phänomenen sind wahrhaftig gut in Szene gesetzt. Allein nach dieser Anfangssequenz möchte man schon unbedingt Wissen, wie es den hier weitergeht. Und all die entstehenden Fragen werden zumindest im Ansatz letztendlich auch beantwortet, wobei dem Leser zum Ende hin genügend Spielraum für seine eigenen Gedanken bleiben. In erster Linie geht es hier zum einen um die seltsamen unerklärlichen Phänomene am Himmel aber ebenso um die Beziehungen der Menschen untereinander. Generationenübergreifende Fragen und Verhaltensweisen werden angesprochen und thematisiert, so zum Beispiel die Ehe und das Thema Familie. Raniero hatte einen Autounfall, und seine Frau ist gerade dabei, ihn zu verlassen. Auf der Arbeit begegnet Raniero seiner neuen Patientin, die anscheinend dieselben mysteriösen Zeichen am Himmel sehen kann. Es entwickelt sich eine äußerst spannende Geschichte, die vorwiegend auch die Beziehungskonflikte der einzelnen Charaktere behandelt. So gehört Ranieros Patientin der neuen Konvention an, was bedeutet: Im Artikel 1 steht, die neue Konvention gründet sich auf dem Prinzip der Nichtexklusivität. Es scheint Raniero schon abstoßend genug, dass sich zwei Personen gleichzeitig von jemandem angezogen fühlen können.
Diese auftretenden Konflikte zwischen jungen andersdenkenden Menschen und der älteren Generation werden von Manuele Fior gekonnt thematisiert, ohne letztendlich den Bezug zu den seltsamen Phänomenen zu verlieren. Zum Ende der Geschichte rücken diese seltsamen Phänomene wieder in den Vordergrund und entwickeln ein überraschendes durchaus befremdliches Ende. Über das gesamte Album hinweg entsteht beim Leser eine Art Faszination und Befremdlichkeit dem übernatürlichen gegenüber. Einerseits meint der Leser durchaus alles schon Mal so oder ähnlich anderswo gelesen zu haben, um dann im selben Augenblick Raum und Boden unter den Füßen zu verlieren. Dieses Wechselspiel von Vertrautheit und Faszination gepaart mit Fremdheit entfalten eine enorme Spannung, die sich wahrhaftig bis zum Ende zieht. Einzig und allein eben dieses Ende könnte dem ein oder anderen missfallen, was aber meiner Meinung nach Geschmackssache ist.

Dominik_AVAAlles in allem habe ich mich sehr gefreut, dieses Werk lesen zu dürfen. Auch wenn mir „Fünftausend Meter in der Sekunde“ etwas besser gefallen hat, aber das mag wohl wirklich größtenteils an der tollen Farbgebung liegen, die hier einfach „fehlt“ (was nicht weiter schlimm ist, da die Zeichnungen wirklich gut zur Geschichte passen auch ohne „Farbe“). Die Story mag auf den ersten Blick unspektakulär oder auch belanglos klingen, aber ich kann wirklich nur noch mal sagen: Lasst euch davon nicht irritieren.

Copyright aller verwendeten Bilder © 2013 Avant – Verlag & Manuele Fior

Dieser Comic ist in jedem gut sortierten Comicladen oder direkt bei Amazon zu bestellen.